Vor diesem Film solltest du nichts essen

Rezension zum Film „Oldboy“ von Park Chan-wook.

Wenn du Quentin Tarantino magst, solltest du dir diesen Namen gut einprĂ€gen (falls du ihn dir merken kannst): Park Chan-wook. Dabei handelt es sich um einen sĂŒdkoreanischen Regisseur. Ich habe mir auf Netflix Oldboy angesehen. Fantastisch! Nicht umsonst hat der Regisseur dafĂŒr 2004 den Großen Preis in Cannes gewonnen.

Wegweisende Bilder

Der Regisseur in Cannes 2009. Foto: Masha Kuvshinova, CC BY 3.0

Der Regisseur in Cannes 2009. Foto: Masha Kuvshinova, CC BY 3.0

Ein Mann wird verschleppt und fĂŒr 15 Jahre eingesperrt. Warum? Das hat er nie erfahren. Mit dem Ziel, sich zu rĂ€chen, wird er es vielleicht erfahren. Aber ĂŒber den Inhalt möchte ich nicht zu viel verraten. Oldboy ist der zweite Teil einer Rachetrilogie, die mit Sympathy for Mr. Vengeance beginnt und mit Lady Vengeance endet. Die Filme stehen aber fĂŒr sich, sind unabhĂ€ngig voneinander. (Nur weil es ein Rachefilm ist, bedeutet es aber nicht zwangslĂ€ufig, dass die Rache des Protagonisten glĂŒckt.) Was Oldboy ausmacht, sind ein genial durchdachtes Drehbuch, die ĂŒberraschenden, absurden Wendungen, erfĂŒlltes, extremes Schauspiel, tolle KĂ€mpfe und wegweisende Bilder, die dem Medium Film mehr gerecht werden als die Millionen langweiligen Realismusfilme. Guck ihn dir an. Auch wenn Oldboy schon ab 16 ist: Wenn du empfindlich bist, solltest du vorher nichts essen.

Oldboy, 2h
Regie: Park Chan-wook
Drehbuch: Park Chan-wook, Lim Chun-hyeong, Hwang Jo-yun
Nach einem Comic von: Garon Tsuchiya
Kamera: Chung Chung-hoon
Musik: Jo Yeong-wook
Besetzung: Choi Min-sik, Yoo Ji-tae, Kang Hye-jeong u. a.

SĂŒdkorea, 2003

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Die Entstehung des Vril

Rezension zum Buch „The Coming Race” von Edward Bulwer Lytton.

Das Hardcover von „The Coming Race“, Quelle: en.wikipedia.org>

Das Hardcover von „The Coming Race“, Quelle: en.wikipedia.org>

1871 wurde in England ein Buch veröffentlicht, dass im Deutschen spĂ€ter unter dem Namen Das Geschlecht der Zukunft bekannt war. The Coming Race ist ein frĂŒher Science-Fiction-Roman ĂŒber die Hohlerde, dahingegen mit der Literatur Jules Vernes vergleichbar. Jedoch wurden Teile seines Inhalts als wahr befunden. Der Begriff Vril – eine mysteriöse Naturkraft, vergleichbar mit ElektrizitĂ€t – wurde in der Öffentlichkeit weiterhin wahrgenommen. So erschien zum Beispiel 1930 eine Schrift mit dem Namen Vril – Die kosmische Urkraft, Wiedergeburt von Atlantis. Herausgebracht wurde sie „im Auftrage der Reichsarbeitsgemeinschaft ‚Das kommende Deutschland‘“. Heute noch wird der Begriff Vril mit Nazi-Ufos in Verbindung gebracht.

Aus Neugier heraus, wie so eine fiktive Geschichte einen derartigen Einfluss haben kann, habe ich mir das englische Original> auf meinen E-Book-Reader geladen.

Doch lieber Jules Verne lesen?

Als reiner Unterhaltungsroman hat mich The Coming Race nicht ĂŒberzeugt. Der Text ist handlungsarm, nicht aufregender als ein Reisebericht. Wikipedia bezeichnet ihn als Satire und bezieht sich dabei auf das Nachwort einer deutschen Ausgabe. Wenn ich bedenke, dass die Gesellschaft des Romans, die in der Hohlerde lebt, von Riesenfröschen abstammen soll, verstehe ich es! – Strom gab es damals schon, die GlĂŒhlampe war erfunden. Darwins Abstammung des Menschen erschien im gleichen Jahr. – Trotzdem kann ich ĂŒber The Coming Race nicht lachen. Interessant ist es allemal, wenn man sich mit dem Thema auseinandersetzen möchte. Auf gutenberg.spiegel.de> gibt es den Roman auch auf Deutsch.

The Coming Race
Von Edward Bulwer Lytton
Großbritannien, 1871
Titel der deutschen Gutenberg-Ausgabe: Das Geschlecht der Zukunft>

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Sympathie fĂŒr einen Scheusal

Kurzrezension zu Patrick SĂŒskinds Hörbuch „Das Parfum“.

Patrick SĂŒskind, der Autor des BĂŒhnenstĂŒcks Der Kontrabass, hat in seinem Leben nur einen Roman geschrieben.
Das Parfum beginnt mit der Geburt eines Mörders, der – im Gegensatz zu seinen VorgĂ€ngern – sein SĂ€uglingsalter ĂŒberlebt. Die Mutter wird wegen Kindsmords hingerichtet. Aber niemand möchte den Waisenjungen Grenouille haben, denn etwas ist seltsam an ihm: Er riecht nicht. Jedoch besitzt er einen ausgezeichneten Geruchssinn, mit dessen Hilfe er die Menschen fĂŒr sich gewinnen kann.

Der historische Roman handelt von einem Ausgestoßenen, der keine Liebe fĂŒr die Menschen empfindet. Sein einziger Lebenswille besteht in der Welt des Geruchs. Seine Handlungen sind grausam und abscheulich. Gleichzeitig empfinde ich Mitleid und Sympathie mit dem Protagonisten. Die Geschichte ist komisch. Auf Realismus scheint der Autor keinen Wert zu legen. Das Parfum erinnert eher an ein MĂ€rchen; das ist wunderbar erfrischend! Trotzdem merke ich, dass hier aus der Geschichte gut recherchiert wurde und frage mich immer wieder, ob das MĂ€rchenhafte nicht doch so gewesen sein könnte.

Hans Korte trĂ€gt das Hörbuch hervorragend vielseitig vor. Egal ob beim AufrĂ€umen oder Kochen, leicht kann ich der Geschichte folgen und fĂŒhle mich unterhalten.

Das Parfum, 8 CDs, 582 min
Von Patrick SĂŒskind
Sprecher: Hans Korte
Diogenes Verlag AG, ZĂŒrich
ISBN-13: 978 3 257 80037 1

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Die Welt der zwei Monde

Rezension zu den HörbĂŒchern „1Q84: Buch 1–3“ von Haruki Murakami.

Der Nebenjobber Tengo, ein ehemaliges Wunderkind, fĂŒhrt ein bescheidenes Leben. Das Ă€ndert sich, als er das Angebot bekommt, „Die Puppe aus Luft“, das Buch einer aussichtsreichen jungen Schriftstellerin, so umzuschreiben, dass es einen Preis gewinnen kann.

Die BrĂŒcke zwischen Surrealem und Realem

Die Welt, von der „Die Puppe aus Luft“ handelt, scheint voller Metaphern zu sein. Aus dem Maul einer toten Ziege schlĂŒpfen die Little People, die ihre GrĂ¶ĂŸe nach Belieben verĂ€ndern können. Außerdem gibt es dort zwei Monde, einen großen gelben und einen etwas kleineren grĂŒnlichen. Nach einiger Zeit stellt sich die Frage, ob das Geschriebene nicht der doch der RealitĂ€t entspricht. 1Q84 ist außerdem eine Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, die eigentlich nichts voneinander wissen: Tengo kennt Aomame aus der vierten Klasse. Er weiß auch nicht, dass sie im Auftrag MĂ€nner tötet, die in ihren Augen bestraft werden mĂŒssten, aber nach den gesetzlichen Regelungen nicht bestraft werden können.

Spannend

Der japanische Autor Haruki Murakami, 1949 in Kyoto geboren, hier auf einer Vorlesung in Massachusetts, 2005,  Foto: CC, wakarimasita>

Der japanische Autor Haruki Murakami, 1949 in Kyoto geboren, hier auf einer Vorlesung in Massachusetts, 2005,
Foto: CC, wakarimasita>

1Q84 besitzt die Tiefe von Michael Endes Unendlicher Geschichte, die Magie Kafkas und wirft RĂ€tsel auf wie in einem Science-Fiction-Roman, dabei denke ich an Solaris von StanisƂaw Lem. Der japanische Autor Haruki Murakami hat ein geniales Werk mit vielen Wendungen, Überaschungen und Fantastischem geschaffen. FĂŒr besonders gelungen halte ich die Charakterzeichnungen. Zum Beispiel fĂŒr die Figur des schĂ€bigen Dedektivs Ushikawa, der zu Beginn einfach als ein unbequemer Kerl erscheint, doch im dritten Buch plötzlich mein Mitleid gewinnt. Die drei BĂŒcher gibt es mit der Stimme von David Nathan als MP3-Hörbuch in Berliner Bibliotheken.

1Q84: Buch 1 & 2, 1853 min
1Q84: Buch 3, 1036 min
Von Haruki Murakami
Aus dem Japanischen von Ursula GrÀfe
Sprecher: David Nathan
LĂŒbbe Audio

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„Geh nach Hause“, sagt das Bier

Rezension zum Film „Chungking Express“ von Wong Kar-Wai.

Mitte der Neunziger verschaffte Quentin Tarantino einer experimentellen Romanze aus Hongkong den Zugang zum amerikanischen Markt. Die Filme des Regisseurs kannte Tarantino aus diversen Festivals. Dem DVD-Klappentext zufolge sei Wong Kar-Wai ein chinesischer Tarantino und beruft sich auf die „englischsprachige Presse“.

Langweilig und schön

Den ersten Teil habe ich eher als einen etwas langweiligen Arthouse-Film wahrgenommen. Poetisch, aber die Figuren schienen mir unglaubhaft. Ein bisschen Blut floss am Anfang, sonst sah ich nicht viele Gemeinsamkeiten mit dem, was Tarantino macht. Der Film behandelt jedoch zwei Geschichten, und der zweite Teil hatte mich tatsÀchlich gepackt.

Eine Aushilfe in einem Imbiss (Faye Wong) verliebt sich in den Polizisten 663 (Tony Leung Chiu-Wai) und breitet sich ohne seines Wissens in seiner Wohnung aus (auch nicht wirklich nachvollziehbar, aber doch interessant, bizarr). Wie in einem alten deutschen MĂ€rchen verschwindet der gute Hausgeist, nachdem man ihn einmal erwischt hat.

Unterhaltung mit einem Bier

Wer Lost in Translation mag, wird sicher auch diesen Film mögen. Was mich letztlich beeindruckt hat, sind die Dialoge. „Geh nach Hause und leg dich hin, sie wird nicht mehr kommen“, sagt die Bierflasche, als Polizist 663 in einer Bar sitzt und vergeblich auf seine Verabredung wartet. 663 unterhĂ€lt sich auch mit HaushaltsgegenstĂ€nden wie einem Handtuch!

Chungking Express, 1h 38 min
Regie/Drehbuch: Wong Kar-Wai
Kamera: Christopher Doyle
Musik: Frankie Chan, Roel A. Garcia
Besetzung: Brigitte Lin Ching-Hsia, Takeshi Kaneshiro, Tony Leung Chiu-Wai, Faye Wong u. a.

Hong Kong, 1994

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Ein Aufruf zum Widerstand

StĂ©phane Hessels Streitschrift „Empört Euch!“ als Hörbuch

Ich gehöre zu einer Generation, fĂŒr die sich die Zeit vor dem Mauerfall nur als Kindheitserinnerung darstellt. Demokratie und Freiheit scheint in Deutschland etwas selbstversĂ€ndlich gegebenes zu sein, obwohl der letzte Krieg gerade mal 70 Jahre her ist, die Demokratie im Osten erst seit 25 Jahren Bestand hat. Ein neuer Menschentyp von politisch wenig interessierten wĂ€chst auf. StĂ©phane Hessel bezeichnet ihn als den Ohne-mich-Typen. Der 1917 geborene Botschafter kĂ€mpfte gegen die Nazis und ist Mitverfasser der Allgemeinen ErklĂ€rung der Menschenrechte der Vereinten Nationen.

Hessels Botschaft an die Jugend

2010 veröffentlichte Hessel sein Werk „Empört Euch!“, ohne sich dafĂŒr bezahlen zu lassen. Hessel ruft dazu auf, Verantwortung zu ĂŒbernehmen in einer Zeit, in der die GrĂŒnde der Empörung nicht mehr so offensichtlich sind wie in den vierziger Jahren.

Hessel beklagt die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich und die AuswĂŒchse des internationalen Kapitalismus. Er trifft den Nerv der Zeit. Zwei Monate nach der Veröffentlichung 2010 bricht der Arabische FrĂŒhling aus.

Gewalt bekÀmpfen

Stéphane Hessel, Foto: Rama, Cc-by-sa-2.0-fr

Stéphane Hessel, Foto: Rama, CC-BY-SA-2.0-fr

Gewalt lehnt der Autor des Essays grundsĂ€tzlich ab, zeigt jedoch auch VerstĂ€ndnis. Hessel ist ist Sartres Meinung, den er mit den Worten zitiert: „Ich gebe zu, dass Gewalt, in welcher Form sie sich auch Ă€ußern mag, immer ein Fehlschlag ist. Aber es ist ein unvermeidlicher Fehlschlag, weil wir in einer Welt der Gewalt leben.“ Sartre akzeptiert jedoch die Gewalt als Mittel, Gewalt zu beenden. Hessel schreibt: „Dem fĂŒge ich hinzu, dass Gewaltlosigkeit ein sichereres Mittel ist, der Gewalt ein Ende zu setzen. Man kann die Terroristen nicht im Namen dieses Prinzips unterstĂŒtzen.“

Es ist kurzweilig

Angesichts der wachsenden Gewalt gegen FlĂŒchtlinge in Deutschland oder Erdogans kĂŒrzlich aufgekĂŒndigten Friedens gegen die PKK-AnhĂ€nger halte ich es fĂŒr umso wichtiger, das Buch mal durchgelesen zu haben oder, wie ich, sich das 51-minĂŒtige Hörbuch mal reinzuziehen.

Empört Euch!, 1 CD, 51 min
Von Stéphane Hessel
Übersetzung: Michael Kogon
Sprecher: Christoph Bantzer
HörbucHHamburg
ISBN 978 3 89903 336 6

Originalausgabe: Indignez-vous !
Indigene Editions, 2010

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Die Tolkien-Edda

Rezension zu Tolkiens Buch „Die Legende von Sigurd und GudrĂșn“.

Wer sich fĂŒr nordische Mythologie interessiert, der kennt das große Gedicht der Edda. Der Vater der Hobbits J. R. R. Tolkien hat einen Teil davon ĂŒbersetzt: Die Legende von Sigurd und GudrĂșn. Ein verwandter Mythos ist im deutschen Sprachraum als die Nibelungensage erhalten. Sigurd ist die skandinavische Variante von Siegfried und GudrĂșn ist die schöne Kriemhild.

Edda?

Die Holzschnitzerei zeigt Gunnar mit der Harfe in der Schlangengrube. Die Schnitzereien wurden an einer Kirche in Hylestad gefunden und dienten dem Illustrator als Vorlage. Foto: John Erling Blad

Die Holzschnitzerei zeigt Gunnar mit der Harfe in der Schlangengrube. Die Schnitzereien wurden an einer Kirche in Hylestad gefunden und dienten dem Illustrator als Vorlage. Foto: John Erling Blad

Als mir jemand Tolkiens Buch in die Hand gedrĂŒckt hatte, fragte ich mich: Tolkien hat die Edda ĂŒbersetzt? Der Duden beschreibt sie als „Sammlung altnordischer Dichtungen“. Wir kennen die Ältere Edda, meist Lieder-Edda genannt. Die JĂŒngere Edda, auch Snorra-Edda wurde zum Teil in Prosa verfasst. Ihr Autor Snorri Sturluson schrieb sie im 13. Jahrhundert. Beide Werke zeigen Parallelen zu Figuren, die es wirklich gegeben hat, wie den Hunnenkönig Attila aus dem fĂŒnften Jahrhundert. In dieser Sage heißt er Atli. In der Nibelungensage Etzel.

In der Legende von Sigurd und GudrĂșn lese ich etwas ĂŒber die Entstehungsgeschichte der Lied-Übersetzung. Tolkien bezieht sich auf die Heldensage. Wer auch die Göttersagen der Alten Edda lesen möchte, kann die kostenlose Übersetzung von Karl Simrock auf ↗gutenberg.spiegel.de lesen oder kostenlos als ↗amazon.de herunterladen. Tolkien ĂŒbersetzte die Sage ĂŒber Sigurd nicht nur neu, er fĂŒllte auch auch logische LĂŒcken. Dabei schöpfte er aus anderen Liedern oder aus eigener Fantasie. Die Reihenfolge der Verse wurde chronologisch angeglichen.

Stabreim

Die Legende von Sigurd und GudrĂșn hat sich fĂŒr mich als Laie der nordischen Mythologie als EinfĂŒhrung geeignet. Die Sprache ist verstĂ€ndlich – wenn man damit klarkommt, dass die Geschichte in Versen geschrieben ist. (Was fĂŒr mich kein Problem.) Der Klett-Cotta-Verlag hat das gesamte Buch zweisprachig herausgegeben: Die linke Seite ist englisch, die rechte deutsch. Der Interessierte wird schnell merken, ob er die Geschichte in den Stil lesen möchte oder nicht. Als kleine Leseprobe soll diese Strophe dienen, die unter den ersten Zeilen des Gedichts stehen:

To the world came war:
the walls of Gods
giants beleaguered;
joy was ended.
The mountains were moved,
mighty Ocean
surged and thundered,
the Sun trembled.

Da kam Krieg in die Welt,
da bekÀmpften Riesen
die Festen der Götter;
Freude erstarb.
Die Berge bebten,
es brauste das Meer,
ĂŒberschwemmte die Scholle,
schwarz ward die Sonne.

Es mag vielleicht nicht sofort auffallen, dass es sich um Reime handelt, nÀmlich um Stabreime, doch der Leser, der so etwas nicht kennt, könnte die seltsame Schönheit der Verse auch so entdecken. Mit dem Stabreim ist die Aliteration gemeint: So beginnen also bedeutungsvolle Wörter wie World, war und walls mit dem selben Laut.

Tolkien hatte sein Werk verlegt

Einem Vorwort des Herausgebers Christopher, Tolkiens Sohn, entnehme ich die Ursache fĂŒr die spĂ€ter Veröffentlichung dieses Buchs. J. R. R. Tolkien hatte das Manuskript verlegt. Zum GlĂŒck wurde es wiedergefunden und fĂŒr die Nachwelt ausgedruckt!

Die Legende von Sigurd und GudrĂșn, 560 Seiten
Von J.R.R. Tolkien
Klett-Cotta, 2010
ISBN 978 3 608 93795 4

Originalausgabe: The Legend of Sigurd & GudrĂșn
The Tolkien Trust, 2009

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Herr Lehmann wird 30

Rezension zu Leander Haußmanns Film „Herr Lehmann“.

Quelle: beststuff.com

Quelle: beststuff.com

Frank Lehmann wird 30. Alle nennen ihn jetzt Herr Lehmann.

Die Verfilmung von Sven Regeners Roman zeigt, wie man alltĂ€gliche, unbedeutende Situationen zu einer belustigenden Geschichte verknĂŒpft. Und wie schafft es die Geschichte, Bedeutungslosigkeit unendlich wichtig erscheinen zu lassen? Sie lĂ€sst sich in ein historisches Ereignis auflösen: den Mauerfall. Regisseur Leander Haußmann hat es geschafft, die Emotionen am Ende zu einer Eruption zusammenzufassen, die er einfach mal ausklammert.

Dialoge, Schauspiel, Musik

Die Dialoge sind so nichtssagend, dass sie viel zu sagen haben. Gesprochen werden sie mit mehr oder weniger Talent. FĂŒr Christian Ulmen in der Titelrolle ist es ein DebĂŒt. Es geht um unerfĂŒllte TrĂ€ume, erfolglose KĂŒnstler und darum, einfach nur der zu sein, der man ist. Die Themen könnten aus Liedern von Element of Crime stammen. Der Autor singt und dichtet nĂ€mlich in der Band. Neben anderer toller Musik ist natĂŒrlich auch Element of Crime zu hören. Wem Buenas Tardes Amigo von Ween so gut gefĂ€llt wie mir: Das Lied lĂ€sst sich mit drei Akkorden auf Gitarre spielen.

Schön, tragisch, nichtig und komisch. Herr Lehmann ist der perfekte Film fĂŒr eine Winterdepression. VerfĂŒgbar auf Netflix. Das Buch kann ich ĂŒbrigens auch empfehlen. Ich habe es mir vom Autor vorlesen lassen, gibt es als CD-Pack.

Herr Lehmann, 1h 45 min
Regie: Leander Haußmann
Buch: Sven Regener
Kamera: Frank Griebe
Produktion: Claus Boje
Besetzung: Christian Ulmen, Katja Danowski, Detlev Buck, Christoph Waltz u. a.
Originalsprache: Deutsch

Deutschland, 2003

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Kammer-Action

Rezension zu Nicolas Winding Refns Film „Bleeder“.

Der Film Bleeder hat einen ungewöhnlichen, aber simplen Anfang. Die Figuren werden mit einer ihnen passenden Musik und einer Einblendung ihres Namens vorgestellt. So einfach geht es auch weiter. Wenige Sets, einfache und aussagekrĂ€ftige Dialoge … Der Film ist so einfach, dass ich mich frage, warum schafft er es, das Interesse und die Spannung herzustellen, die ein wirklich gutes Actiondrama braucht.

Einfach einfach

Poster zu Bleeder

Poster zu Bleeder

Die Handlung ist archaisch in ihrer Umsetzung. Leos Freundin ist schwanger. Er steht vor einer inneren Krise. Als der Bruder seiner Freundin ihn mit in eine Bar nimmt, ist er Zeuge eines Gewaltaktes, das ihn bis zum Schluss beeinflussen wird.
Nicolas Winding Refn schafft es, mit wenigen Mitteln viel zu machen. Dazu kommt ein spannendes Spiel zwischen den Schauspielern, selbst in Dialogen, in denen stĂ€ndig das gleiche gesagt wird. Besonders Mads Mikkelsen hat mit der Figur eines jugendlichen Videofilm-Junkies eine großartige Einfachheit. Ein Lehrfilm fĂŒr Schauspieler, Dramaturgen und alle, die etwas mit Film zu tun haben.

Bleeder, 98 min
Regie/Buch: Nicolas Winding Refn
Kamera: Morten SĂžborg
Musik: Mads Heldtberg
Originalsprache: DĂ€nisch
Besetzung: Kim Bodnia, Mads Mikkelsen, Rikke Louise Andersson, Liv Corfixen, Levino Jensen u. a.

DĂ€nemark, 1999

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Blutiges Labyrinth

Rezension zu Guillermo del Toros Film „Pans Labyrinth“.

Mit Pans Labyrinth habe ich einen Film gefunden, der vielleicht alle Fantasy-Klassiker ĂŒberragt. Dabei ist es nicht mal ein Fantasy-Film im klassischen Sinne, fĂŒr den, der zuendeguckt, lĂ€sst sich ein tieferer Sinn erkennen. Ein Kollege aus der Filmbranche hat mich auf eine neue Stilrichtung namens Dark Drama hingewiesen. Dies ist kein Kinderfilm. In Pans Labyrinth fließt Blut.

Ofelia und der Faun

Poster zum Film.

Poster zum Film.

El laberinto del fauno, so der Originaltitel, spielt in Spanien, 1944, einige Jahre, nachdem Franco das Regime ĂŒbernommen hat. Das kleine MĂ€dchen Ofelia reist mit ihrer schwangeren Mutter zu ihrem neuen Ehemann, der von einem abgelegenen StĂŒtzpunkt Partisanen bekĂ€mpft. In der NĂ€he des Hofes findet sie ein altes Labyrinth. Dort begegnet sie einem Fabelwesen.

Die Eigenheiten der Figuren, ihre Taten und deren Auswirkungen auf den Verlauf der Handlung, die Musik, Kleinigkeiten wie die Wahl der Namen, die Bedeutung in jedem Bild, die Ernsthaftigkeit und Detailtreue der Geschichte – das alles macht mir die Vollkommenheit des Films bewusst! Der Regisseur und Drehbuchautor Guillermo del Toro war im Übrigen auch am Drehbuch der Hobbit-Filme beteilligt.

Pans Labyrinth, 118 min
Originaltitel: El laberinto del fauno
Regie/Buch: Guillermo del Toro
Kamera: Guillermo Navarro
Musik: Javier Navarrete
Schnitt: Bernat Vilaplana
Szenenbild: Pilar Revuelta
KostĂŒmdesign: Lala Huete
Originalsprache: Spanisch
Besetzung: Ivana Baquero, Doug Jones, Sergi LĂłpez, Maribel VerdĂș, Ariadna Gil u. a.

Spanien/Mexiko, 2006

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Saxnots Bezwinger

Rezension zu Stefan Weinfurters Biografie „Karl der Große: Der heilige Barbar“.

Mit dem Gedanken, mal wieder eine Biografie zu lesen und gleichzeitig mein Geschichtswissen aufzubessern, bin ich ĂŒber Weinfurters Karl den Großen gestoßen. Ich wurde nicht entĂ€uscht. Das Buch ist fĂŒr Laien verstĂ€ndlich und unterhaltsam geschrieben. Zugleich vermittelt es detailierte Kenntnisse ĂŒber die Person Karls und des frĂ€nkischen Gottesstaats.

Karl auf dem Kindl?

Diese Karte hat mir zum VerstĂ€ndnis der LektĂŒre geholfen. Quelle laut Wikipedia: „Historical Atlas“ von William R. Shepherd, 1911

Diese Karte hat mir zum VerstĂ€ndnis der LektĂŒre geholfen. Quelle laut Wikipedia: „Historical Atlas“ von William R. Shepherd, 1911

Wenn ich ein Geschichtsbuch lese, schaue ich mir gerne eine Karte dazu an. Im Buch selbst wurde leider keine abgedruckt. Wer sich also fĂŒr die im Buch genannten Gebiete und Völker geografisch interessiert und keinen Geschichtsatlas besitzt, muss gezwungenermaßen im Internet recherchieren. Die vielen Personen um Karl den Großen herum werden dagegen verstĂ€ndlich eingeleitet. Wiederholt auftauchende werden nochmals umschrieben. Das ist ein großer Vorteil fĂŒr den geschichtsunkenntlichen Leser. Im Anhang gibt es einige Bilder. Wer sich das E-Book – so wie ich – auf einem Kindle Papterwhite der 6. Generation durchliest, kann die Bilder nicht vergrĂ¶ĂŸern. Der Stammbaum zu Beginn des Buches ist ebenfalls unleserlich. DafĂŒr, dass ich fĂŒr die Kindle Edition 17 Euro bezahlt habe – also mehr als fĂŒr die Taschenbuchausgabe – fĂŒhle ich mich diesbezĂŒglich ein wenig betrogen …

Den Gottesdiener verstehen lernen

Karl der Große ist keine klassische Biografie, die ganz chronologisch die einzelnen Stationen des Lebens erlĂ€utert. Es braucht erstmal zwei Kapitel, bis wir wirklich bei Karl ankommen. Ich bemerke den pĂ€dagogischen und wissenschaftlichen Hintergrund des Autors. Das Handeln des frĂ€nkischen Königs und spĂ€teren Kaisers wird verstĂ€ndlich: Der Verbot der Symbole sĂ€chsischer Gottheiten, die Umsiedlung ganzer Bevölkerungsschichten – alles fĂŒr den Frieden? So zumindest stellt es sich mir dar. Karl hat seinen Regierungsstil einer christlichen Ideologie unterworfen, die er um jeden Preis durchsetzen will. Es erinnert mich an die Gegenwart und ihrer Idee von Demokratie.

Auf den Punkt gebracht

Was den geschichtlichen Ablauf betrifft, kann dieses Werk nur unvollstĂ€ndig sein, wenn der Autor uns verstehen machen möchte. Letzteres gelinkt ihm hervorragend. Es hat sich kein Linguistiker ans Werk gemacht, aber ein Experte darin, Details und Fakten zusammenzufassen und auf einen Punkt zu bringen. Im Übrigen gibt es ein reichhaltiges Quellenverzeichnis, alles schön mit Fußnoten versehen. Karl der Große: Der heilige Barbar ist eine interessant geschriebene Biografie, die Wissen und VerstĂ€ndnis vermittelt und neugierig darauf macht, mehr ĂŒber Geschichte zu erfahren.

Karl der Große: Der heilige Barbar, 352 Seiten
Von Stefan Weinfurter
PIPER, 2013
ISBN 978-3-492-96384-8

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Schönes neues Paralleluniversum

Rezension zum Film „Der goldene Kompass“ von Chris Weitz.

Endlich habe ich mal wieder einen guten Fantasy-Film gesehen. The Golden Compass trĂ€gt die ZĂŒge eines Kinderfilms, ist dafĂŒr aber zum Teil ziemlich brutal. Das mutige MĂ€dchen Lyra Belacqua (Dakota Blue Richards) begibt sich auf eine Reise in den Norden und wird zu einer Gejagten. Sie versucht ihre Freunde Billy und Roger zu befreien. Die Buchvorlage von Philip Pullmann öffnet den Blick in eine Parallelwelt, in der jeder Mensch von seiner Seele in Form eines DĂŠmons begleitet wird.

Von der Kirche boykottiert

„Northern Lights“ ist der Originaltitel des ersten Buchs von Philip Pullmans Trilogie „His Dark Materials“.

„Northern Lights“ ist der Originaltitel des ersten Buchs von Philip Pullmans Trilogie „His Dark Materials“.

Die amerikanische Organisation Catholic League hatte zur Premiere des Films zum Boykott aufgerufen, da der Autor Philip Pullman angeblich die Katholische Kirche attackiere. Die Story erinnert tatsĂ€chlich ein wenig an staatskritische BĂŒcher von Aldous Huxley und George Orwell. Wer dahintersteigen will, muss die BĂŒcher wohl lesen. Der Film deuted das Thema des freien Willens eher an. Die katholische Kirche war mit ihrem Boykott anscheinend erfolgreich, wie sie stolz berichtet – The Golden Compass war ein Flop. Die zwei geplanten Fortsetzungen liegen auf Eis. Im Nachhinein finde ich es schade, dass Regisseur Weitz nicht mehr Kritik zugelassen hat.

Wo ist mein DĂŠmon?

Von der Hauptbesetzung bis zu den Nebenrollen haben die Schauspieler durchweg ĂŒberzeugt. Die 13-jĂ€hrige Dakota Blue Richards als Lyra erscheint erst als freche Göre, die ich nach 30 Minuten verstehe und liebgewinne. Die Musik von Alexandre Desplat entspricht den Konventionen des Genres; trĂ€umerisch, fantastisch, ĂŒberzeugend. Der Film wird zum Ende hin spannender, die Geschichte lĂ€sst die Seele des Zuschauers tief eintauchen, dass ich mich fragen muss, wo eigentlich mein DĂŠmon abgeblieben ist …


The Golden Compass, 113 min
Regie: Chris Weitz
Kamera: Henry Braham
Buch: Chris Weitz, Philip Pullman
Originalsprache: Englisch, Fantasie-Sprache
Besetzung: Dakota Blue Richards, Daniel Craig, Nicole Kidman, Sam Elliott, Eva Green u. a.
Premiere: 2007
Produktionsland: UK, USA

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Quentins brĂŒchiger Film

Rezension zum Film „From Dusk till Dawn“ (1996) von Robert Rodriguez.

Das Filmposter zu „From Dusk till Dawn“. © Dimension Films, 1996

Das Filmposter zu „From Dusk till Dawn“. © Dimension Films, 1996

GenrebrĂŒche haben eine wunderbar lĂ€uternde Wirkung. HĂ€ssliche Hauptdarsteller? Bei Robert Rodriguez kein Problem. Wie erfrischend! Aber kombiniert mit ĂŒbelster BrutalitĂ€t? Das ist es immer noch, was Quentin Tarantino komisch macht, auch wenn hier Rodriguez Regie gefĂŒhrt hat. Tarantino als Drehbuchautor: genial. Der junge Quentin spielt an der Seite von George Clooney ebenso toll. Die beiden ergĂ€nzen sich: Clooney spielt Seth, den berechnenden Ganoven, der aus Geldgier handelt. Sein Bruder Richard ist TriebtĂ€ter. Die Charakterzeichnungen bieten schon ausreichend Konfliktpotential, das die beiden von einer komischen Situation in die nĂ€chste treibt, bis … ja, bis – Je weniger man vorher ĂŒber den Film weiß, desto besser.

Achtung, Zensur!

Als ich den Film per Online-Screening auf Netflix.com fertiggeguckt hatte, war es schon zu spĂ€t. Lieber Filmzuschauer, lass dir den Spaß nicht durch eine Schnittfassung verderben, die das StĂŒck von vorne bis hinten zerhackt. Achte auf eine AltersbeschrĂ€nkung ab 18 Jahre. Wer brutale Filme nicht sehen mag, dem bringt es sowieso nichts, From Dusk till Dawn anzugucken. Ein Klassiker! Wenn ich mir die Neuverfilmung ansehe, werde ich darĂŒber berichten, falls ich es fĂŒr lohnenswert erachte.


From Dusk till Dawn, 103 min
Regie: Robert Rodriguez
Kamera: Guillermo Navarro
Buch: Quentin Tarantino, Robert Kurtzman
Originalsprache: Englisch, Spanisch
Besetzung: George Clooney, Quentin Tarantino, Harvey Keitel, Juliette Lewis u. a.

Veröffentlichung: USA, 1996

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Wolfgang Herrndorfs Tagebuch

Rezension zu Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“.

Das GemĂ€lde auf dem Umschlag stammt vom niederlĂ€ndischen Maler Jacob van Ruisdael (ca. 1629–82). Herrndorf konnte seine Cover nicht leiden.

Das GemĂ€lde auf dem Umschlag stammt vom niederlĂ€ndischen Maler Jacob van Ruisdael (ca. 1629–82). Herrndorf konnte seine Cover nicht leiden.

Nachdem ich die ersten Seiten von Arbeit und Struktur gelesen hatte, dachte ich ganz naiv, toll, wie lustig! Dann kam mir ein Verdacht: HĂ€h? Der Herrndorf schreibt ja ĂŒber sich selbst, veröffentlicht sogar Fotos von sich aus der Psychiatrie. Ein Freund sagte mir, er glaube, dass das wirklich passiert sei. Der 2013 verstorbene Wolfgang Herrndorf hat in seinen letzten Lebensjahren einen Blog geschrieben, zu dem nur seine Freunde Zugang hatten. Mit Mitte 40 und einem Tumor im Kopf kam er zu der Erkenntnis, dass es wohl sein letztes Werk werden wĂŒrde. Den Erfolg seines Bestsellers Tschick erlebte er noch mit.

Wie möchte ich sterben?

Arbeit und Struktur ist ein selbst nicht so ernst nehmender Blick eines sterbenden Schriftstellers auf sich selbst, mit dem Drang noch etwas in seinem Leben erreichen zu wollen. Es ist die interessante Sicht eines Autors und seiner Arbeitsweise. Daneben bleiben die unglaublich ehrlichen Gedanken eines Krebskranken auf die Welt, die Menschen und die Frage, wie es zuende gehen soll. Aktive Sterbehilfe wird thematisiert. Wolfgang Herrndorf wÀhlte den Freitod als letzten Ausweg.

Komik, Drama und banaler Alltag

Ein Buch fĂŒr alle, die sich fĂŒr den Alltag eines Schriftstellers interessieren; und fĂŒr alle, die den Verlauf eines Hirntumors nachvollziehen wollen. Herrndorf schreibt sehr detailliert ĂŒber seine Krankheit. Mich selbst hat das Buch mĂ€ĂŸig beeindruckt. So komisch wie es anfĂ€ngt, geht es nicht weiter. Nur an einigen Stellen kommt der Humor wieder so banal zum Vorschein, dass es unterhaltsam ist. Dazwischen gibt es die lehrreichen Kommentare eines Workoholics fĂŒr alle, die vielleicht selbst welche werden wollen.

Übrigens wurde der Blog mittlerweile öffentlich zugĂ€nglich gemacht. Wer das Buch also nicht kaufen möchte, kann es auf www.wolfgang-herrndorf.de nachlesen.

Arbeit und Struktur, 445 Seiten
Von Wolfgang Herrndorf
Rowohlt Berlin, 2013
ISBN 978 3 87134 781 8

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Der pazifistische Historienroman

Rezension des Hörbuchs zu Noah Gordons Roman „Der Medicus“.

Was fĂŒr ein tolles Buch! Nach den ersten Worten war ich verblĂŒfft, dass es ein historischer Roman ist, denn der Alltag des 9-jĂ€hrigen Rob beginnt zunĂ€chst wie der eines armen Jungen aus dem London des 20. Jahrhunderts. Als Ältester passt er auf seine BrĂŒder auf. Seine Mutter ist bei der letzten Geburt gestorben. Sein Vater krank.

Die Botschaft des Autors

Als ich zu einem hörbuchfeindlichen Freund schwĂ€rmerisch ĂŒber den Medicus berichtet habe, meinte er, es klinge wie Unsere kleine Farm. Davon abgesehen, dass diese Fernsehserie gar nicht so schlecht ist, wie er sie damit darstellen wollte, sind Parallelen tatsĂ€chlich erkennbar. Noah Gordon schreibt wie ein christlicher Patzifist. Das verleiht seinen BĂŒchern eine bestimmte Note. Kann man gut finden, muss man nicht. Wo Bernard Cornwell Gemetzel auf poetische Weise zu schildern weiß (was auch nerven kann), gehen Gordons Figuren frĂŒher oder spĂ€ter den Weg der Gewaltfreiheit.

Warum „Der Medicus“ so gut ist

Robs Vorbild Avecinna lehrte tatsÀchlich im persischen Isfahan.

Robs Vorbild Avecinna lehrte tatsÀchlich im persischen Isfahan.

Der Medicus ist ein typischer Noah-Gordon-Roman. Mit dem Unterschied, dass er herausragt. Ich frage mich, warum. Was ist es, dass mich weiterhören und meine Arbeit vernachlĂ€ssigen lĂ€sst? Rob begibt sich gezwungenermaßen auf die Reise mit einem Baderchirurgen. Er lernt das Handwerk des Arztes und Quacksalbers der Armen. Wie in einem Rollenspiel freue ich mich, wenn Rob etwas neues gelernt hat. Ich fiebere mit ihm mit, wenn er sich in Schwierigkeiten befindet. Davon gibt es viele. Bevor es langweilig werden könnte, ist die Reise zu ende. Ansich wĂ€re das schon genug fĂŒr einen Roman. Aber dann beginnt eine neue Reise. Ich möchte wissen, wie sich Rob in der Welt des 11. Jahrhunderts durchschlĂ€gt.

Das einzige, was mich enttĂ€uscht, sind die historischen Ungenauigkeiten ĂŒber die ZĂŒnfte und Namen. Wer sich den Lesespaß ein wenig verderben lassen möchte, kann auf Wikipedia nachlesen. Allerdings schafft es Gorden auch, geschichtliche Tatsachen geschickt in den Roman einfließen zu lassen. So wird der Tod des persischen Medicus und Philosophen Avecinna, Robs Vorbild, glaubwĂŒrdig dargestellt.

Sensibel eingesprochen

Der Sprecher Frank Arnold bringt fĂŒr Noah Gordons BĂŒcher das richtige EinfĂŒhlungsvermögen mit. Selbst hin und wieder erwĂ€hnte sexuelle Akte werden mit einer SensibilitĂ€t beschrieben, dass ich glaube, er liest mir aus der Bibel vor. Als wĂ€re der Sprecher der Autor selbst, der mir seine Friedensbotschaft verkĂŒndet. Ich spĂŒre die Empfindung, ihm zu folgen.

Der Medicus, 28h, 18 min
Von Noah Gordon
Originaltitel: The Physician
Übersetzung: Ulrike Wasel, Klaus Timmermann
Sprecher: Frank Arnold
ASIN: B00FDXGXFA
Random House, 2013

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Ein Film ĂŒber Verwesung

Rezension zu Peter Greenaways Film „Ein Z und zwei Nullen“ (1985).

Greenaway zitiert Jan Vermeers „MĂ€dchen mit rotem Hut“ (1665-1667).

Greenaway zitiert Jan Vermeers „MĂ€dchen mit rotem Hut“ (1665-1667).

Ich habe mir A Zed & Two Noughts angeschaut, abgrundtief gelangweilt und — ich hielt es bisher fĂŒr undenkbar — geekelt. Keine Story! So viel dazu. Wer also nach Unterhaltung sucht, möge doch bitte auf dem rechten Balken dieser Seite suchen. Er wird bestimmt etwas finden.

Ich habe die Trauer zweier BrĂŒder verfolgt, deren Frauen bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind. Ein aus dem Zoo geflohener weißer Schwan war die Ursache. Mit der Fahrerin gehen sie eine Dreierbeziehung ein. Aber hauptsĂ€chlich geht es darum, dass die BrĂŒder von nun an den Verwesungsprozess von Äpfeln, Zebras und anderen Tieren fotografisch aufzeichnen.

Wer schaut sich so was an?

Man muss vielleicht depressiv sein und Gefallen daran haben, sich noch so richtig reinziehen zu lassen. Oder man ist Filmemacher, lernt von der Ästhetik von A Zed & Two Noughts. Der britische Regisseur Peter Greenaway stattet Bilder wie Vermeers GemĂ€lde aus; er adaptiert den Stil des alten Meisters. Viele Einstellungen Ă€hneln mittelalterlichen Ikonen. Nur Close-ups habe ich keine bemerkt. Symmetrie kennzeichnet den Ton der Bilder.

Passend unpassende Musik

Der musikalische Ton verstört mich, aber mehr noch schafft er Gefallen am Depri-sein, an Verwesung. Eintönig kommen die zwei Lieder immer wieder (nicht im wörtlichen Sinn). Die Wahl des The-Piano-Komponisten Michael Nyman war eine gute.

Dazu kommen noch andere Feinheiten, die den Film wertvoll machen: eine Sprache, die ĂŒber die Fragen des Lebens nachdenken lassen, ein distanziertes, emotionsloses Schauspiel von AndrĂ©a FerrĂ©ol (ob gewollt oder nicht, weiß ich nicht) und wissenschaftlich wertvoll anmutende Bilder von Verwesenden Individuen. Diese sind auf der DVD sogar separat anschaubar. Viel Spaß!

Nebenbei bemerkt

Ich habe mir den Schocker nicht gekauft. Ein Freund namens Oliver (wie sich auch ein Hauptcharakter nennt) drĂŒckte mir vor seinem Umzug einen Stapel Filme in die Hand. Oliver wollte, wie ich, Regisseur werden. Ob er Ein Z und zwei Nullen einfach nur los werden wollte, kann ich nicht sagen.

Ein Z und zwei Nullen, 112 min
Originaltitel: A Zed & Two Noughts
Originalsprache: Englisch
Regie/Buch: Peter Greenaway
Kamera: Sascha Vierny
Musik: Michael Nyman
Besetzung: Brian Deacon, Eric Deacon, AndrĂ©a FerrĂ©ol u. a.

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Fantasy zum Totlachen

Rezension zum Hörbuch von Alexey Pehovs „Schattenwanderer“.

Das Buch erschien 2012 beim Piper-Verlag.

Das Buch erschien 2012 beim Piper-Verlag.

Garrett, der Meisterdieb, bekommt vom König den Auftrag, das Horn des Regenbogens zu stehlen. Alte gnomische Prophezeiungen bestĂ€tigen, dass der Schattenwanderer der richtige Mann ist. Blöd gelaufen. Denn Garrett agiert eigentlich lieber im Dunkeln. Nur mithilfe des Horns kann der Unaussprechliche besiegt werden. Der wurde vor 500 Jahren verbannt. Allerdings bloß fĂŒr 500 Jahre …

Der dunkle Schein trĂŒgt

Ich weiß nicht, wer die Idee fĂŒr die dĂŒstere Covergestaltung hatte. Man könnte nĂ€mlich denken, es folgt ein blutrĂŒnstiger Roman fĂŒr Hartgesottene. Vielleicht sollen hier alteingesessene Fantasyliebhaber, die das Genre zu ernst nehmen, angelockt werden. Den Schattenwanderer ist ein wenig anders. Okay, ab und zu stirbt jemand auf grausame Weise, nichtsdestotrotz ist die Story urkomisch! Das ist es, was sie besonders macht. Darin unterscheidet sich Alexey Pehov von Markus Heitz, von dem ich Die Zwerge schon mal angehört habe.

Mit einer lockeren, zeitgenössischen Sprache schöpft der Autor aus der Breite der modernen Fantasy, nimmt sie auf’s Korn. Computers- und Rollenspieler dĂŒrften Elemente sehen, die sie sonst aus Spielen kennen. Glauben wir der Hauptfigur, gibt es keine Vampire (was darauf schließen lĂ€sst, dass irgendwann im Laufe der Chronik welche auftauchen werden). DafĂŒr begleiten Elfen, Zwerge, Magier und ein Gnom den selbstmörderischen Auftrag des Helden. Außerdem steht er unter dem Schutz Sagoths, dem Gott der Diebe.

Wir hören Garretts selbstzweifelnde Gedanken, wĂ€hrend er eine „sauertöpfische“ Miene aufsetzt, um seinem Fremdbild in einer Kneipe gerecht zu werden. Der Berechnende gibt sich unberechenbar. Das ist witzig.

Kai Taschner schafft es, die Ironie der Geschichte so zu interpretieren, dass der Humor ankommt. Dabei legt die aus Findet Nemo bekannte Stimme noch eine Prise eigenen Witz dazu. Perfekt!

Anachronismus lĂ€sst grĂŒĂŸen

Parallelen zu unserer Welt kommen immer zum Vorschein. So haben die Diebe in Siala nicht nur eine Art Gewerkschaft. Die muss auch noch Abgaben an den König leisten (Anspielung auf die russische Oligarchie oder zeitgenössische Sozialkritik?). Garrett, der beste unter den Dieben, verweigert sich hartnĂ€ckig einer Mitgliedschaft. Das wiederum mĂŒndet in einem Besuch aus der Mördergilde. Sagoth sei Dank weiß unser Dieb natĂŒrlich aus jeder noch so ausweglosen Situation einen Ausweg.

Das Buch trĂ€gt keine tiefphilosophischen Inhalte. Die Wortspiele machen es aus. Die haben literarischen Wert. Der Übersetzerin Christiane Pöhlmann möchte ich hierbei nichts absprechen. Sie hat WĂ€chter-Romane von Sergei Lukjanenko ins Deutsche ĂŒbertragen, mit denen ich mich spĂ€ter sicherlich noch beschĂ€ftigen werde.

AusdrĂŒcke wie „Der Weg ertrank förmlich“ oder „Die Nacht fraß die Farben der Welt“ lassen das Schreibtalent des Meisterdiebs erkennen. Der Schattenwanderer wurde in der Ich-Perspektive verfasst. Nur zwischendurch erleben wir zur Abwechslung die TrĂ€ume des Diebes in der dritten Person. Kleine Kurzgeschichten, die interessante AufschlĂŒsse ĂŒber die Vorgeschichte von Garretts Welt liefern.

Großartige russische Fantasy

Ich bin kein Experte darin, aber ich sehe hier ein Juwel der Fantasy-Literatur. Fantasiereich, actionbeladen und von einem Meister seines Fachs geschrieben. Vielleicht ein Quentin Tarantino der Phantastik. Ich glaube, Alexey Pehov wird noch ein großer Name in der literarischen Welt der werden. In Russland ist das vielleicht bereits der Fall. Den Schattenwanderer zu hören lohnt sich. Und zu lesen wohl erst recht.


Schattenwanderer – Die Chroniken von Siala 1, Hörbuch-Download, 19h, 12 min
Von Alexey Pehov, ĂŒbersetzt von Christiane Pöhlmann
Audible-Verlag, 2012
ASIN: B0083JDN5E

Das Buch erschien bei Piper Fantasy
ISBN 978-3-492-70186-0↗

Russische Originalausgabe: 2002, AL’FA-KNIGA

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Der letzte Inka

Rezension zu Gerd Franks Roman „Der Fluch des Intip Churin“.

Atahualpa

Atahualpa, der letzte Inka-Herrscher kurz vor seinem Tod, 1533.

Diesen Sommer hat der Kuebler-Verlag einen Roman ĂŒber die Entdeckung PerĂșs herausgebracht. Der spanische Eroberer Francisco Pizarro begibt sich auf die Suche nach dem Goldland. Tahuantinsuyu, so der Name des Reiches, steht jedoch vor einem BĂŒrgerkrieg. Zwei BrĂŒder beanspruchen die Herrschaft jeweils fĂŒr sich. Zwischendurch gibt es ein paar schmalzige Liebesszenen.

CharakterschwÀchen

Die Liebesgeschichten des Romans erweisen sich letztlich als nicht ganz so kitschig wie anfangs vermutet. Zu Beginn stellen sich mir die Charaktere ein wenig platt dar. GlĂŒcklicherweise entwickeln sie sich. Aber im ganzen Buch tauchen immer wieder ein paar dramaturgische SchwĂ€chen auf. Spannend ist Der Fluch des Intip Churin trotzdem. Ich will wissen, wie es weitergeht, wenn Pizarro immer tiefer in den Urwald dringt. Das erinnert mich an ein Jules-Verne-Abenteuer. HĂ€ufig wechselt die Perspektive. Es gibt also mehrere Hauptcharaktere. Wie beim Lied von Eis und Feuer können die Figuren auch sterben. Ist in diesem Fall sogar historisch belegt.

Einblick in die Geschichte

„Historischer Roman nach alten spanischen Quellen“ heißt es auf der Titelseite. Die Angabe ist ist allerdings etwas wage. Im angehĂ€ngten Literaturverzeichnis finden sich ĂŒberwiegend BĂŒcher aus dem 20. Jahrhundert. Mit der alten spanischen Quelle ist dann wohl La crĂłnica del PerĂș gemeint. Ein Buch aus dem 16. Jahrhundert. Im Laufe der ErzĂ€hlung hĂ€lt mir der Autor oft Tatsachen vor Augen. Die mögen auch stimmen. Trotzdem stellt Gerd Frank Teile der Story bewusst anders dar. So haben wir zum Beispiel die Stereotypen eines friedfertigen Inka-Herrschers, HuĂĄscar, und seines kriegsfreudigen Bruders Atahualpa. In Wahrheit waren sie wohl beide nicht zimperlich mit der Verteilung von Todesstrafen.

Schnell gelesen

Der Fluch des Intip Churin ist keine Weltliteratur, aber dafĂŒr einfach und interessant zu lesen. Wer, wie ich, alte fremde Kulturen mag und historische Romane liest, bekommt hier einen guten Einblick in die alte Inka-Kultur. Dazu ein paar Seefahrerabenteuer und spanische Geschichte.


Der Fluch des Intip Churin, 372 Seiten
Kuebler Verlag, 2014
ISBN 9 783863 460785

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Tschicke Geschichte

Rezension zu Wolfgang Herrndorfs Roman „Tschick“.

Fremdsprachige Straßenschilder wissen sich Maik und Tschick nicht zu erklĂ€ren. Foto: Julian Nitzsche

Fremdsprachige Straßenschilder wissen sich Maik und Tschick nicht zu erklĂ€ren. Foto: Julian Nitzsche

Erster Schultag nach den Osterferien: Ein neuer Junge kommt in die Klasse. Andrej Tschichatschow, auch Russe genannt, seine Freunde rufen ihn Tschick. Viele davon scheint er aber nicht zu haben. Er wird als „Asi“ beschrieben, mit krimineller Vergangenheit und alten Klamotten. Das ganze Gegenteil von Maik, dem ErzĂ€hler des Romans. Eines aber ist ihnen gemeinsam: Keiner beachtet sie. Der Russe und die Schlaftablette freunden sich an und erleben die spannendste Zeit ihres Lebens. In den Straßen Ostdeutschlands.

Jugendsprache witzig verpackt

Das Buch beginnt mit dem Ende der Geschichte. Und sofort frage ich mich, wie Maik in diese blöde Situation kommen konnte. Ein dramaturgischer Trick. Anfangs wirkt die Story ein wenig wie die Aufarbeitung einer schlechten Kindheit. Könnte fĂŒr mich als 30-JĂ€hrigen schnell langweilig werden, denke ich mir. Herrndorf schafft es aber, seine Geschichte durch pointierten Witz nicht lĂ€cherlich wirken zu lassen. Eine interessante Art ĂŒber etwas zu schreiben, das sonst vielleicht zu alltĂ€glich ist.

Was hier passieren wird, ist nun alles andere als das. Plötzlich finden sich die beiden an seltsamen Orten, von denen ich nicht gedachte hĂ€tte, dass sie existieren. Falls sie nicht fiktiv sind. Das habe ich beim Lesen nicht in ErwĂ€gung gezogen und möchte es auch jetzt nicht tun. Ich bin neugierig, mehr ĂŒber diese Landschaften zu erfahren. Was es mit der Walachei auf sich hat, erfahre ich. Das es sorbische Siedlungen im Osten gibt, weiß ich auch. Aber wo genau befinden sich die anderen Gegenden, die Herrndorf beschreibt? Ein verlassenes Dorf aus dem zweiten Weltkrieg? Wenn jemand mehr weiß, freue ich mich ĂŒber Kommentare!

Auf diesen Roman sollte man sich ganz und gar einlassen. Zu Beginn hielt ich ihn fĂŒr nichts besonderes. Liest sich nett, dachte ich. Die kurzen Kapitel verschlinge ich HĂ€ppchenweise. Dann tauchen Figuren auf, die mir Fragen zuwerfen. Wo kommen die her? Aus welcher sozialen Schicht? Ich kriege sie nicht richtig eingeordnet. Sie sind einfach nur interessant. Irgendwann merke ich, dass es mir schwer fĂ€llt, das kleine Buch zur Seite zu legen.

Buch zum Verschenken

Tschick ist keine dumme ErzĂ€hlung und trotzdem kann ich ihr leicht folgen. Sie ist irgendwie lehrreich und zugleich unterhaltsam, vor allem fĂŒr 14-JĂ€hrige, aber eben auch fĂŒr Ältere. Mein Exemplar ist das Geschenk eines Freundes an einen Freund, der es mir spĂ€ter geliehen hat. Bedenkenlose Weiterempfehlung!


Tschick, 254 Seiten
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2014
ISBN 978-3-499-25635-6
Erstausgabe: MĂ€rz 2012

ISBN-Hörbuch: 978-3-8398-4012-2

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Die Bombe

Rezension zu „Sharpes Gold“ – Bernard Cornwell.

Pforte von Almeida, Foto: Fernando Gabriel. 2013

Pforte von Almeida, Foto: Fernando Gabriel. 2013

Wieder eine Richard-Sharpe-Rezension? Ja, ich habe alle bis dahin veröffentlichten Episoden angehört. KĂŒrzlich ist die neunte, Sharpes Gold, erschienen. Der zweite Band, wenn man der Chronik der Buch-Veröffentlichungen folgt. Seit 1981 wird Sharpes Gold publiziert. Alle BĂŒcher haben etwas gemeinsam: Sie beziehen sich auf die Geschichtsschreibung; in diesem Fall auf den Kampf der Briten gegen Napoleon. Die BĂŒcher sind realistisch, spannend sowie angenehm und professionell vorgetragen. Mehr dazu habe ich in meinem ersten Artikel geschrieben.

Bei Sharpes Gold habe ich allerdings das erste Mal tatsĂ€chlich so etwas wie Langeweile gespĂŒrt. Sharpe hat schnell Erfolg auf seiner Mission im spanischen Galicien. Erst wenn sich das Finale abzeichnet, die Belagerung von Almeida in Portugal, wird es schwer, den Pausenknopf zu drĂŒcken.

Im Beiheft gibt es eine ErklÀrung, von Cornwell persönlich verfasst. Darin werden der historische Hintergrund knapp, aber aufschlussreich formuliert. Zusammen mit den Fotos bekomme ich Lust, die Gegend einmal zu besichtigen, denn die Stadt wurde nie wieder aufgebaut und die grasumwucherte ehemalige Festung wird nur von einigen hundert Siedlern bewohnt.

Story und Historik

Wer Unterhaltung sucht, dem empfehle ich mit Episode 1 anzufangen und der Chronik zu folgen. Immer wieder wird auf vergangene Ereignisse Bezug genommen. Trotzdem lassen sich alle BĂŒcher auch einzeln lesen und hören.
Wer sich ein wenig fĂŒr Geschichte und das Leben des Soldaten interessiert, dem sei Cornwell als Meister der guten Recherche empfohlen. Und wer sich fĂŒr Spanien interessiert: Sharpes Gold ist nicht das einzige Buch ĂŒber die Briten auf der iberischen Halbinsel, dafĂŒr die einzige Episode ĂŒber eine Sprengung, wie es sie in der Zeit vor der Atombombe kaum anderswo gegeben hat.


Sharpes Gold, ca. 10 Stunden, ungekĂŒrzt
KĂŒbler Verlag
ISBN MP3-CD: 978-3-942270-39-7
ISBN Audio-CD: 978-3-942270-09-0
Originalausgabe: Sharpe’s Gold, Collins, 1981

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