Das MĂ€rchen unserer Zeit

Rezension zu Michael Endes Roman „Momo“.

Michael Ende hatte selbst Schildkröten. Foto: Caio Garrubba

Michael Ende hatte selbst Schildkröten. © Caio Garrubba

Ein kleines MĂ€dchen namens Momo rettet die Welt vor den Zeit-Dieben. Dabei hilft ihr Sidekick Kassiopeia, eine Schildkröte, die immer ein StĂŒckchen in die Zukunft sehen kann. Diese Inhaltsangabe ist natĂŒrlich zu einfach und lĂ€sst noch nicht den Wahrheitsgehalt der Geschichte erahnen. Denn die Zeit-Diebe gibt es wirklich. Michael Ende beschreibt diese grauen Agenten wie Vertreter des westlichen Egoismus, der Ellenbogengesellschaft. Der Autor erklĂ€rt, wie sie aus dem Nichts kommen: „Sie entstehen, weil die Menschen ihnen die Möglichkeit geben zu entstehen. Das genĂŒgt schon, damit es geschieht.“

Spiegel der Gegenwarten

1973, sechs Jahre vor der Unendlichen Geschichte, erschien die Erstauflage von Momo. Nach 40 Jahren ist dieser Roman immer noch aktuell. Durch Momos Freunde erleben wir die Auswirkungen des Fortschritts auf Einzelne. Den Aufstieg und die Distanzierung ihrer besten Freunde: Aus Gigi FremdenfĂŒhrer wird Girolamo, der Superstar. Gastwirt Nino eröffnet ein Schnellrestaurant und verkauft Speisen, die nicht satt machen. Die Kinder kommen in spezielle Depots, um sie von der Straße fernzuhalten und damit sie effektiver lernen können. Dazu fĂ€llt mir Tocotronic ein. Die Band hat in den Neunzigern ein Album mit dem Namen Nach der verlorenen Zeit veröffentlicht. Ein Titel trug den Namen Michael Ende, du hast mein Leben zerstört. Was Youtube-Kommentatoren als Ironie begreifen, beschreibt der SĂ€nger Dirk von Lowtzow 1996 in einem Radiointerview:

Könnte […] sein, dass man daraus so’n AutoritĂ€tsprinzip entwickelt, wenn man sagt: ,So, du musst jetzt Fantasie haben‘. Oder: ,[…] du darfst dich nicht oberflĂ€chlichen Dingen hingeben, und Fernsehen ist eh schlecht.‘ […] Und dass sich eigentlich aus so ’ner vermeintlich antiautoritĂ€ren Haltung so ’ne totale AutoritĂ€t entwickelt. (Quelle: tocotronix.de)

Ich habe mir aktuelle Unterrichtsmaterialien angesehen und nahm sie mit Interesse auf. WĂŒnschenswert ist natĂŒrlich, dass man selbst Lust hat, den Roman zu lesen. Es wĂ€re zu schade, sich das Werk dieses Schriftstellers zu verbauen. Die Tatsache, dass Momo in der Schule behandelt wird, bildet vielleicht ein typisches Merkmal der deutschen Gesellschaft, die noch nicht vollkommen vom Kapitalismus eingenommen ist. So wie Ayn Rand auf die Ökonomen der Vereinigten Staaten Einfluss genommen haben könnte. Die wirtschaftlich liberal eingestellte Novellistin wird in den USA ebenfalls im Unterricht behandelt. Der ehemalige WaldorfschĂŒler Michael Ende scheint sich dagegen eher fernöstlicher Philosophie zu bedienen, wenn er Momo die Eigenschaft einer guten Zuhörerin gibt, die oft nichts anderes tun muss, um die Probleme ihrer Freunde zu lösen; oder wenn er dem alten Beppo Straßenkehrer folgende Worte in den Mund legt:

Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nĂ€chsten Schritt denken, an den nĂ€chsten Atemzug, an den nĂ€chsten Besenstrich. […] Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. […] Auf einmal merkt man, dass man Schritt fĂŒr Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie und man ist nicht außer Puste.

Fantasterei oder Sozialkritik?

Momo ist ein Kinderbuch und dĂŒrfte auch von Kindern verstanden werden. Der Thienemann-Verlag empfiehlt es ab zwölf Jahren. Ich habe das Buch mit Mitte zwanzig zum ersten mal gelesen. „Es wird dein Leben verĂ€ndern“, sagte mir eine Freundin, als sie es mir in die Hand drĂŒckte. Nun, ich bin mir nicht sicher, ob Momo so viel Einfluss auf mich hatte, denn manchmal fĂŒhle ich mich selbst als ein Gefangener der grauen Herren; zumindest machte es mir vieles bewusst. Ähnliche Bedeutungen hatten in meinem Leben bis dahin nur philosophische Werke von Friedrich Nietzsche, Erich Fromm oder Antoine de Saint-ExupĂ©rys „Kleiner Prinz“. Momo kann aber auch einfach als ein Buch ĂŒber Freundschaft und NĂ€chstenliebe gelesen werden, oder als spannendes Abenteuer. Es ist ein intelligentes MĂ€rchen, nicht nur ein Kinderbuch. Alles magisch Anmutende wird im Laufe der Geschichte aufgelöst, alles hat einen Sinn. Es ist lehrreich ohne belehrend zu sein. Momo gehört zu den BĂŒchern, die die Welt verĂ€ndern könnten, sie vielleicht verĂ€ndert haben.


Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurĂŒckbrachte
MĂ€rchenroman, 301 Seiten
Von Michael Ende, 1973

Thienemann, 2005
ISBN 978 3 522 17750 4

Die von mir gelesene Ausgabe von 2005 enthÀlt Originalillustrationen des Autors. Seit August 2013 gibt es zwei Neuauflagen bei Thienemann: eine JubilÀumsausgabe mit neuen Illustrationen von Dieter Braun und eine Retro-Ausgabe.

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