Die Kunst, gelesen zu werden

Rezension zu Wolf Schneiders „Deutsch fĂŒr junge Profis“.

„Man gebrauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge.“ – Schneider zitiert Schopenhauer. Nach acht erleuchtenden Kapiteln, die sich nur um das Wort drehen, zieht er damit seine Zwischenbilanz. Nachvollziehbar und unterhaltsam bringt er das Handwerk des guten Stils dem Leser nĂ€her. Dem Sprachkritiker geht es vor allem um VerstĂ€ndlichkeit. Denn: „Wer schreibt, möchte meistens Leser haben.“ Soziale Netzwerke erzeugen einen Überschuss an Texten; die meisten werden ĂŒberflogen. ÜberfĂŒllte E-Mail-PostfĂ€cher lassen keine Zeit, einzelne Nachrichten durchzulesen, die nicht klar und interessant geschrieben sind. Deutsch fĂŒr junge Profis richtet sich nicht nur an Blogger und angehende Journalisten. Öffentlichkeitsarbeiter, Werbetexter und ambitionierte Tweeter werden dieses Buch ebenso lieben wie Verfasser von erzĂ€hlender Literatur. Wer von vielen Menschen gelesen werden möchte, sollte sich dieses Buch zur Hand nehmen.

Regeln fĂŒr alle Texte

Mit 32 Rezepten erlĂ€utert Schneider die Kunst des Schreibens. Was macht einen schlanken Satz aus? Wie hauche ich meinem Text leben ein? FĂŒnf Seiten widmet er ausschließlich dem Umgang mit Synonymen. Nicht ĂŒberall und in jeder Form sind sie angebracht, manchmal falsch oder lĂ€cherlich. Über die zweite Nennung der Wahl bemerkt Schneider: „Hat der Nachrichtensprecher das Wort ‚Urnengang‘ zu Hause je verwendet? Nein.“ Zwischendrin gibt es immer wieder eine Bilanz, damit sich der schreibende Leser an die Regeln gewöhnen kann. Der erste Teil des Buches befasst sich mit den Grundlagen, die fĂŒr alle Texte gelten. Die bildhafte Sprache ist mit verblĂŒffenden Beispielen angereichert. Erfreulich: Schneider kritisiert, aber er meckert nicht. FĂŒr Negativ-Beispiele gibt es konkrete VerbesserungsvorschlĂ€ge. Verschachtelte SĂ€tze werden auseinandergenommen, neu geordnet. Es wird eine prĂ€gnante Schreibweise vermittelt, ohne die Regeln der AttraktivitĂ€t außer Acht zu lassen. Mir wird klar: Eine schöne Redundanz ist witzig – solange sie nicht ohne Belang ist. Der zweite und dritte Teil des Buches konkretisiert die Unterschiede, die zwischen den Textgattungen zu beachten sind. Doktorarbeiten werden anders aufgebaut als Geburtstagsreden. LexikoneintrĂ€ge sind nicht den gleichen Regeln unterworfen wie Liebesbriefe. Die Plattformen unterscheiden sich in der Zahl ihrer Interessenten. Eine Statusmeldung auf Facebook soll meistens mehr Leser anziehen als eine Bewerbung, die in der Regel an den Personalentscheider adressiert ist. Dem potentiellen Berufsschreiber wird sogar nĂ€her gebracht, was eine Gebrauchsinformation ausmacht. Erkenntnisreich!

Warum dieses Buch?

Der Sprachexperte Wolf Schneider 2010 zu Gast im Frankfurter Presseclub. Foto: Sven Teschke

Der Sprachexperte Wolf Schneider 2010 zu Gast im Frankfurter Presseclub. Foto: Sven Teschke

In einem Sprachblog bin ich auf Wolf Schneider aufmerksam geworden. Kein deutscher Stilkritiker wird so oft gelesen wie er. Der 1925 geborene Journalist greift auf einen reichen Erfahrungsschatz zurĂŒck. Er hat viele Jahre die NDR Talk Show moderiert, als Chefredakteur fĂŒr verschiedene Zeitungen gearbeitet und eine Journalistenschule geleitet. Zahlreiche SachbĂŒcher gehen auf sein Konto. Die meisten davon handeln um Sprache. Deutsch fĂŒr junge Profis habe ich mir herausgegriffen, weil es sein neustes Buch zum Thema war – und ist. Schnell kam ich zu der Erkenntnis, dass es eine richtige Entscheidung war. Das Buch motiviert ungemein! Viele praktische Kniffe animieren zum Ausprobieren. In kurzer Zeit hatte ich alles durchgelesen. Nach 192 Seiten mit 32 Kapiteln und einem Sachregister ging es nicht mehr weiter. Manchmal hĂ€tte ich mir ausfĂŒhrlichere ErlĂ€uterungen gewĂŒnscht, aber alles Wichtige war gesagt. Immer wieder schlage ich etwas nach, abermals werde ich daraus schlau. Neben den WörterbĂŒchern bekommt dieses Werk einen Ehrenplatz in meinem Regal.

Deutsch fĂŒr junge Profis – Wie man gut und lebendig schreibt, 192 Seiten
Von Wolf Schneider

Rowohlt Verlag, 2010
ISBN 978 3 87134 672 9

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