Die Welt geht unter

Rezension zu Lars von Triers Melancholia.

Standbild aus der Einleitung von Melancholia. Kirsten Dunst wurde für die Darstellung von Justine mehrfach ausgezeichnet, darunter als beste Darstellerin in Cannes. © www.melancholiathemovie.com
Kirsten Dunst wurde für die Darstellung von Justine mehrfach ausgezeichnet, darunter als beste Darstellerin in Cannes.
© www.melancholiathemovie.com
Vor einigen Monaten sah ich Lars von Triers Antichrist und einige Interviews des dänischen Regisseurs. Ich wusste, dass beide Filme von seiner depressiven Phase beeinflusst waren oder daraus entstanden. Ich dachte, dass ich mir so etwas wie Antichrist nicht noch einmal antun würde. Das war mir zu zermürbend, kontrastlos, der weibliche Protagonist, dargestellt durch Charlotte Gainsbourg, zu dunkel, nicht nachvollziehbar. Obwohl der Film auch seine guten Seiten hatte, möchte ich nicht weiter darauf eingehen. Denn Melancholia hat mich vollkommen überzeugt.

Wenn die Erde im Nichts verschwindet

Zu Beginn sehen wir das Ende: Die Erde verschmilzt in einem fremden Stern. In Zeitlupe sehen wir Bilder von Menschen, deren Lebenszeit womöglich noch aus wenigen Minuten besteht. Es sind Bilder wie aus einem Gemälde. Dabei denke ich an Salvador Dalí und an das Szenenbild aus dem Science-Fiction-Film The Cell vom Jahr 2000. Es gibt zwei Akte: Justine und Claire, zwei Schwestern. Die eine gibt sich ihren Depressionen hin. Die andere versucht, glücklich zu sein. Die Handlung ist dünn. Eine Hochzeitsgesellschaft, der die Braut Justine mal zu entkommen versucht; mal möchte sie mit jemandem reden, aber alle denken nur an sich oder ihren Beitrag zu der pompösen Feier. Justine hat Ahnungen, was passieren wird; sie weiß Dinge, die andere nicht wissen. Im zweiten Teil sehen wir die letzten verzweifelten Tage der todgeweihten Familie; Claire in der Hoffnung, der fremde Planet möge vorbeiziehen.

Deprimierend?

Ja, die Atmosphäre des Films gleicht dem zwei Jahre zuvor veröffentlichten Antichrist. Aber hier konnte ich alles nachvollziehen. Das muss wohl an mir liegen. In einem interessanten Gespräch konnte ich mir die gegenteilige Meinung eines Freundes einholen. Der erzählte mir, wie wütend er auf die Rolle der Justine geworden ist, die sich so sehr der Gesellschaft verweigert. „The earth is evil“, sagt sie einmal zu ihrer Schwester. Zu diesem Zeitpunkt scheint sie sich aus ihrer Depression befreit zu haben, scheint sich auf den Untergang zu freuen. Melancholias Charaktere teilen sich vor meinen Augen in zwei Arten: Ehrliche und die, welche sich bis zum Ende selbst etwas vormachen.

Eine Gesellschaft von Lügnern

Die Darsteller wurden gut besetzt. Lars von Trier lässt seine Nebenrollen entweder lügen oder wirft sie in Situationen, in denen sie ihre schonungslose Ehrlichkeit offerieren. Übrigens spielt Gainsbourg eine ganz andere Rolle als in Antichrist; Claire ist zickig und ängstlich wie eine Schwester nur sein kann. Kirsten Dunst spiegelt mit Justine dagegen die Aura einer Hexe wider. Eine unsympathische, der ich trotzdem gerne zuschaue.

Es bleibt ein mulmiges Gefühl

Melancholia ist ein philosophischer Film mit guten Dialogen. Einfach und trotzdem gewaltig in seinen Bildern, einigen beeindruckenden Kamerafahrten und fantastischer Musik. Richard Wagners Tristan und Isolde unterstützt genau die Stimmung, die Justine empfinden muss. Eine Stimmung die aus ihrem Umfeld niemand nachvollziehen kann. Wer Melancholia bis zu einer gewissen Stelle gesehen hat und mit Justine sympathisiert, wird den Film lieben. Ich bin einen Tag später immer noch hin und weg von den Bildern, kann kaum noch an etwas anderes denken und bekomme bei der Erinnerung immer noch ein mulmiges Gefühl. Ich bin nicht sicher, ob je ein Film einen so tiefen Eindruck bei mir hinterlassen hat. Vielleicht Stanley Kubricks 2001: A Space Odyssey. Lars von Trier ist ein großer Meister, der den Vergleich mit Regisseuren dieser Klasse nicht scheuen muss.


Melancholia, 130 min
Buch und Regie: Lars von Trier
Kamera: Manuel Alberto Claro
Originalsprache: Englisch
Besetzung: Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg, Alexander Skarsgård, Kiefer Sutherland u. a.

DVD-Release: 2012

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