Dieses Buch könnte gefährlich sein

Rezension zu Ayn Rands „The Fountainhead“.

Titelbild der amerikanischen Taschenbuchausgabe.
Titelbild der von mir gelesenen amerikanischen Taschenbuchausgabe.
Gefährlich – das heißt, wenn man den Roman nicht zu Ende liest. Genauer gesagt, man könnte Ayn Rand missverstehen, wenn man das Buch nach 300 Seiten beendet. Auf Deutsch erschien es unter den Titeln Der ewige Quell und Der Ursprung. Mir kam es nie in den Sinn, The Fountainhead beiseitezulegen. Auf die Autorin bin ich erst aufmerksam geworden, als ich einen Bericht über eine Inszenierung im Deutschen Theater in Berlin gelesen hatte. Jürgen Kuttner verarbeitete den Stoff des Romans und stellte ihn einem alt-sozialistischen Thema gegenüber. Denn Ayn Rand hat eine Ideologie des reinen Kapitalismus kreiert: Objektivismus.
In den USA kennt sie jeder. Ayn Rand wird in den Vereinigten Staaten in der Schule behandelt wie Goethe in Deutschland. Nun können politische Ansichten variieren. Persönlich stehe ich den meisten Ideen neugierig wie kritisch gegenüber. Was für Botschaften dieses Buch auch haben mag, ich fühle nicht, dass mir eine Meinung aufgezwungen wird. Das ist eher ein Appell, mir meinen eigenen Kopf zu machen, Mut zu schöpfen für eigene Ideen. The Fountainhead ist ein Buch, das meiner Seele den Platz zeigt, auf dem sie sich ausbreiten kann. Es ist ein Buch wie kein anderes, geschrieben für Menschen, die keine anderen sind; die Preisung des Individuums.

Der Weg des Howard Roark

The Fountainhead ist die Geschichte eines Architekten, Howard Roark. Über seine Kindheit wird nicht viel erzählt. Einem Kommilitonen verhilft er zum Diplom, selbst geht er ohne Abschluss von der Universität. Roark interessiert nichts mehr als das Errichten von Gebäuden, das Überwältigen der Natur. Dabei vertritt er ästhetische Prinzipien, die mit den Traditionen im Zwiespalt stehen; denn die haben seiner Meinung nach ihre Rechtfertigung verloren.
Die Art, wie Roark seine Prinzipien durchsetzt, lässt ihn zu einem Außenseiter werden, einem Egoisten. Das Nicht-Interesse für soziale Anpassung macht ihn anderen verhasst, mir als Leser aber sympathisch. Als erfülle er eine tief verborgene Sehnsucht, sich nicht um andere zu kümmern. Das Spannende daran ist, dass er damit der Gesellschaft einen größeren Dienst erweist als die sogenannten Second-Hander, wie er die gesellschaftlich Angepassten nennt, die sich auf die Errungenschaften fremder Schöpfer stützen.
Es geht eigentlich nicht um Architektur. Rand benutzt dieses Thema nur als Beispiel. Auch die Boulevard-Presse wird im Buch ausführlich behandelt. Liebe nimmt einen ungewöhnlichen, extrem kraftvollen Part in der Geschichte ein. Sie ist nicht integriert, um das Bedürfnis nach leicht verdaulicher Literatur zu stillen. Durch ihren symbolischen Wert gewinnt der Roman zusätzlich an Bedeutung.

Unverschnörkelter Stil

Entgegen dem, was ich in der Schule gelernt habe, beginnen die Satzreihen oft mit dem gleichen Artikel. Rand ändert die Satzkonstruktion nicht, wenn es nicht nötig ist. Das erscheint einfach. Es ist befreiend, so etwas zu lesen. Jedes Wort meint etwas. Es ist immer ein Mitteilungsbedürfnis der Autorin erkennbar. Ihre Objektbeschreibungen haben trotzdem eine eigene Poesie. Rand schreibt nicht wie ein Literat der schönen Worte, eher wie jemand, der aus eigener Erfahrung spricht. Genau das macht den literarischen Wert der Erzählung aus. Diese Frau hat genau recherchiert, sich Gedanken gemacht, was sie sagen möchte. Jedes Kapitel hat eine Existenzberechtigung; ich möchte weiterlesen, um zu erfahren, was mir Ayn Rand sagen will. Teilweise wird das Bedürfnis gleich gestillt, teilweise ergeben die Handlungsstränge erst später im Verlauf einen Sinn, einen überraschenden Moment. Wahrscheinlich hat sich Rand mit Hegel auseinandergesetzt; ein dialektisches Prinzip macht sich in der Dramaturgie deutlich: In jeder Blüte steckt ein Körnchen, woraus neue Blüten entstehen – Roark akzeptiert jede Niederlage mit naiver Gelassenheit.
Ayn Rand lebt ihre Philosophie vor. In ihren Notizen schreibt sie:

„Isn’t it like the people who worry greatly about fine points of ‘style’ and grammar in literature, without caring what the writing is about?“

Auf Deutsch nach meiner Übersetzung:

„Ist es nicht wie bei den Leuten, die sich peinlichst vor literarischem Stil und Grammatik fürchten, ohne sich darüber zu kümmern, worauf es im Geschriebenen ankommt?“

The Fountainhead wurde nach Angaben im Nachwort von zwölf Verlagen abgelehnt, bevor es 1943 veröffentlicht und zwei Jahre später zum Bestseller wurde.

Das Beste, was ich je gelesen habe

Ohne Übertreibung. Das einzige Buch, was mich vielleicht annähern so sehr beeinflusst hat wie dieses ist Die Kunst des Liebens, ein Sachbuch von Erich Fromm. Wobei ich das einfach nur bereichern fand – The Fountainhead hätte ich schon als 16-Jähriger lesen können, es hätte mir gefallen, es spiegelt die Rebellion wieder, die man in der Pubertät oft erlebt. Wenn ich jetzt vor beruflichen Entscheidungen stehe, frage ich mich: Was würde Howard Roark machen? Die Antwort ist stets eindeutig.
Danke, Howard Roark. Danke, Ayn Rand! Dabei ist es nicht mal dein Hauptwerk. Aber den Rest werde ich mir auch noch vornehmen!

Ich rufe alle Interessierten auf, dieses Buch zu lesen, und zwar bis zum Ende. Und das meine ich wörtlich. Vielleicht liegen die Quellen der Korruption in der Welt ja wirklich in den Menschen, die Ayn Rand nicht zu Ende gelesen haben.


The Fountainhead, 704 Seiten
New American Library
ISBN 978-0-451-19115-1
Erstausgabe: The Bobbs-Merrill Company, 1943

Deutsche Ausgaben:
Der Ursprung
Gewis-Verlag, 2000
ISBN 3932564367

Der ewige Quell
Goldmann Wilhelm GmbH, 1993
ISBN 344203700X

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