Ein Hippie im Deutschen Reich

Hörbuchbesprechung zu „Imperium“ von Christian Kracht.

August Engelhardt, auf dieser Grafik muskulös dargestellt, winkt den Besuchern seiner Plantage zu.
Der muskulös gezeichnete August Engelhardt winkt den Besuchern seiner Plantage zu.
August Engelhardt, ein Aussteiger unterwegs in die Südsee, auf dem Weg, eine neue Welt zu gründen, ein Kokosnussimperium. Er ist überzeugter Vegetarier, frönt dem Nudismus. Im Gepäck eine große Privatbibliothek, Charles Dickens, Georg Büchner und Sachbücher über frutarische Ernährung. Klingt wie ein Spaß? Nun, August Engelhardt ist tatsächlich der Erste Kokosapostel aus der Zeit Wilhelms des Zweiten. Er gründete auf der kleinen Insel Kabakon im Pazifik eine Siedlungsgemeinschaft – obwohl sich die Mitgliederzahl dieses Sonnenordens zunächst auf seine eigene Person beschränkte und auch später kaum Zulauf bekam. Eine komische Gestalt – eine Tragödie. Der in Afrika lebende Schweizer Schriftsteller Christian Kracht hat sich eine eigene Version gesponnen, eine Tragikomödie. Film- und Fernsehregisseur Dominik Graf verleiht dem Roman in einer ungekürzten Hörbuchfassung seine Stimme – kein Schauspieler, aber der richtige Sprecher, mit Sinn für den ironischen Stil.

Der vermeintliche Nazi

Bevor Imperium 2012 im Buchhandel erschien, gab es schon reichlich Diskussionsstoff. Georg Diez berichtet im Spiegel über angebliche Nähe des Autors zu rechtem Gedankengut. Dagegen protestierten zahlreiche Schriftsteller in einem offenen Brief. Darunter die mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Elfriede Jelinek sowie die Kleist-Preisträger Katja Lange-Müller und Daniel Kehlmann. Der Spiegel habe die Grenzen zwischen Kritik und Denunziation überschritten, heißt es darin. Die taz stellt Kracht dagegen „ganz und gar“ als Spießer dar, während die Zeit das Werk als „ganz und gar meisterhaft“ würdigt. In einem ARD-Interview mit Denis Scheck offenbart der Autor seine anfänglichen Pläne, Maler zu werden und zitiert sich selbst: „Vielleicht wäre ich lieber bei meiner Staffelei geblieben.“ Im ersten Kapitel schreibt er:

„So wird nun stellvertretend die Geschichte nur eines Deutschen erzählt werden, eines Romantikers, der wie so viele dieser Spezies verhinderter Künstler war, und wenn dabei machmal Parallelen zu einem späteren deutschen Romantiker und Vegetarier ins Bewußtsein dringen, der vielleicht lieber bei seiner Staffelei geblieben wäre, so ist dies durchaus beabsichtigt und sinnigerweise, Verzeihung, in nuce auch kohärent.“

Parallelen zu Hitler. Sie werden auch am Ende der Erzählung wieder aufgegriffen. Der fanatische Engelhardt beabsichtigt, sich ausschließlich von der Kokosnuss zu ernähren. Sie sei die Krone der Schöpfung, an höchster Stelle der Palme dem Herrgott zugewandt, dem menschlichen Haupte am ähnlichsten; wer sich ausschließlich von der Kokosnuss ernähre, müsse gottgleich werden. Liest man die Schriften des historischen Engelhardts, kommt die unfreiwillige Komik des Propheten tatsächlich zu Tage. Ein Auszug aus dem Kokosevangelium:

„Der Mensch ist absoluter Kokovore.
Der Kokovorismus, die Theophagie, ist der Weg zur vollen Erlösung von Schmerz, Leid und Tod.“

Kracht macht sich die Naivität des Kokosapostels zunutze. Im Vergleich wird die bitterböse Ironie dieser humoristischen Erzählung deutlich. Einen missglückten Mordanschlag schiebt der am Ende geistig schon etwas umnachtet wirkende Engelhardt den Juden zu. Political Correcctness wird hier vorsichtig ausgeklammert. Anfängliche Abscheu offenbart er zuerst gegen die fleischessenden „ihrer Erscheinung nach an Erdferkel erinnernde[n] Deutsche[n]“. Zum Antisemiten entwickelt sich dieser Ur-Hippie erst zum Schluss. Manch einer verträgt den Witz wohl nicht. Der lässt sich auch als mahnendes Beispiel interpretieren.

Sehnsüchte werden erfüllt und zerstört

Eine Postkarte von 1906: Engelhardt (stehend) und sein Jünger Max Lützow.
Eine Postkarte von 1906: Engelhardt (stehend) und sein Jünger Max Lützow.
Einerseits wird der Protagonist als Störenfried beschrieben. Aber zu Beginn gibt es durchaus Ansätze, die eine Identifizierung des Lesers mit Engelhardt ermöglichen. So wie er den rassistischen Gedanken des 19. Jahrhunderts entwachsen scheint, fühlt sich doch auch der heutige Mensch vergangenen Anschauungen überlegen. Die Methoden eines Paradiesvogeljägers sind Engelhardt ein Grauen; die Mehrheit der europäischen Gesellschaft erübrigt hoffentlich ebenso wenig Verständnis für Trophäensammler und Elfenbeinjäger unserer Zeit. Und auch wenn wir die verschrobenen Gedanken des Helden nicht nachvollziehen können, so belustigen sie uns doch. Das gleiche gilt für die Landschaftsbeschreibungen. Christian Kracht bewundert den Witz Erich Kästners. Er versuche kästnerisch zu schreiben, teilte er der ARD mit. Sehnsüchte werden ausgekostet, damit sie am Ende jedoch alptraumhaft entgleiten. Seine Impressionen erscheinen gewagt und romantisch zugleich:

„Nach den Regengüssen zu Mittag erschien stets die Sonne, pünktlich um drei, und herrlich farbenfrohe Vögel stolzierten im Chiaroscuro des langen Grases umher und putzten sich das tropfende Gefieder. Dann tummelten sich in den Pfützen der Alleen, unter den hoch aufragenden Kokospalmen die Kanakenkinder, barfuß, nackend, manch eines in kurzen, zerrissenen Hosen (die mehr aus Loch bestanden als aus Stoff), auf den Häuptern wolliges, aus einer lustigen Laune der Natur heraus blondes Haar.“

Kracht bedient sich des Voyeurismus der Leser und Hörer, beschreibt exotische Aussichten, erzeugt Abenteuerlust. Wie weit kann es der Aussteiger bringen in seinem Utopia? Monetarismus ist ihm verhasst. Die Nicht-Akzeptanz des Geldes lebt er vor. Wird er überleben? Der kommunistische Jesus-Hitler ist zumindest darin erfolgreich, im kafkaesken Stil aus der Nussschale auszubrechen – in eine neue Kokosnussschale hinein.

Interessantes Abenteuer für Augen und Ohren

Imperium ist ein kurzweiliger Roman mit langen, seitenfüllenden Sätzen. Dominik Graf bringt das nötige Geschick auf, sie vor dem Mikrofon zu interpretieren. Man merkt, dass ihm das Buch gefällt. Mit der rauen Stimme eines erfahrenen Mannes, der die Geschichte selbst erlebt haben könnte, macht er die Sprache Krachts verständlich. Wer sich die Zeit nehmen kann, den Text zu lesen, sollte vielleicht dennoch nicht darauf verzichten, denn jedes Wort ist bedeutend, überall versteckt sich ein Witz. Es handelt sich hierbei tatsächlich um ein hervorragendes Werk.


Dominik Graf liest – Imperium von Christian Kracht
, 4 h 57 min, 4 CDs
Sprecher: Dominik Graf
Roof Music GmbH, 2012
ISBN 978 3 86484 009 8

Buch: Imperium, Roman, 256 Seiten
Von Christian Kracht
Kiepenheuer & Witsch, 2012
ISBN 978 3 462 04131 6↗
ISBN 978 3 462 30601 9↗ (E-Book)

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