Filmrezension zu Alfred Hitchcocks „Psycho“ (1960).

Man muss kein Horrorfan sein, um Psycho zu mögen. Die Elemente des Genres werden angerissen. Mit simplen Bildern erzeugt Hitchcock Spannung – ohne Monster, ohne Schießereien. Eine einfache Story, aber ein genialer Plot. Wer den Film sehen möchte, darf weiterlesen; über den Handlungsverlauf selbst wird nicht zu viel verraten.

Geschickt in Szene gesetzter Krimi

Auf einem Kinoplakat von 1960 mahnt Alfred Hitchcock den Besucher, pünktlich zu erscheinen.
Auf einem Kinoplakat von 1960 mahnt Alfred Hitchcock den Besucher, pünktlich zu erscheinen.
Marion Crane, die Sekretärin eines Immobilienmaklers, soll ein Bündel mit 40 000 Dollar zur Bank schaffen, das Geld eines Kunden für ein neues Haus. Sie verlässt die Stadt mit dem Entschluss, das Geld zu behalten. Sie fühlt sich verfolgt, ein Polizist wird auf sie aufmerksam, sie tauscht ihr Auto, um nicht erkannt zu werden. Freund Sam begibt sich auf die Suche. Ihr Chef hofft, die Angelegenheit noch regeln zu können und setzt einen Privatermittler auf sie an. Als Marion bei Dunkelheit und strömendem Regen ihr neues Auto vor dem Bates Motel parkt, glaubt keiner, dass sie nie mehr zurückkehren wird. Klingt wie ein Krimi? Nun, Psycho nimmt eine dramatische Wendung, noch bevor die Hälfte des Films erreicht ist.

Das Geheimnis des Spannungsaufbaus

Hitchcock beherrscht es, dem Zuschauer Fehlinformationen glaubhaft zu machen. Geschickt platziert er falsche Fährten. Die Spannung wird in der Mitte des Films aufgelöst. Wohl ein Grund, warum das Drehbuch zunächst auf Ablehnung stieß. Alles scheint überstanden, ein Gefühl von Sicherheit, Klarheit umgibt die Sinne des Zuschauers. Nur noch das Ende erwartet er. Bis ein Hinweis einen neuen Handlungsstrang auslöst und alles bisher geglaubte über Bord wirft. Ein Spiel mit Überraschungen.

Janet Leigh als Marion Crane. Mit der Duschszene überschritt Hitchcock die Geschmacksgrenzen der zeitgenössischen Kritiker.
Janet Leigh als Marion Crane. Mit der Duschszene überschritt Hitchcock die Geschmacksgrenzen der zeitgenössischen Kritiker.
Die Szenerie ist einfach gehalten. Auch die Musik hat etwas Minimalistisches; nicht nur die quiekenden Violinen in der Duschszene. Komponist Bernard Herrmann verwendete ausschließlich Streichinstrumente. Seine Partituren verleihen dem Spielfilm eine ungewöhnlich melodiöse Stimmung. Motelinhaber Norman Bates wurde von Anthony Perkins glaubhaft dargestellt. Sein Spiel prägt den Rhythmus von Psycho. Nur in wenigen Momenten scheinen die Anweisungen Hitchcocks durch, die dem Schauspieler gegeben wurden: ein kleines Lächeln für die Kamera. Ansonsten wirken die Schauspieler der Zeit entsprechend authentisch und interessant.

Filmanalytiker Rob Ager↗ bringt die Bedeutung der Bilder auf den Punkt:

Durch den cleveren Wechsel der Identitäten bietet Psycho dem Betrachter ein wahrlich entnervendes Erlebnis – er spielt mit unterschwelligen Schichten, Variationen der Angst. […] Es ist eines der bedeutendsten Beispiele für Subtexte, eingeschmolzen in erzählenden Dialogen. Mit vorbildlichem Grad essenziell für Autoren, die das Medium des psychologischen Schreckens studieren möchten.

Hitchcock setzte die Klospülung durch

Er stand zwar bei Paramount Pictures unter Vertrag, Psycho wollte die Firma jedoch nicht produzieren. So finanzierte der Regisseur den Film zum Großteil selbst; mit 800 000 Dollar – sein letztes Projekt kostete über drei Millionen –; in schwarz-weiß, um Kosten zu sparen. Bilder der sich entkleidenden Protagonistin wurden später zensiert. Der offene Klodeckel musste bleiben – aus einem dramaturgischen Grund … Erste Kritiken reagierten entsetzt auf so viel Realismus. Doch so ablehnend, wie es heute dargestellt wird, waren die Zeitungen nicht. Bosley Crowther von der New York Times↗ bemerkte zwei Monate nach der Premiere in seiner „Antwort an die Kinogänger, die sagen, ‚Psycho‘ solle verboten werden“:

Der Film wäre billig und verurteilenswert, wenn er auf einer ungeschickten Präsentation aufgebaut wäre, wie viele absichtlich aufwühlende Thriller. Aber das ist nicht der Fall. Mr. Hitchcock verwirklichte das Werk mit auffallend cineastischer Kunstfertigkeit.

Psycho bekam vier Oscarnominierungen: Beste Kamera – für John L. Russell – und Beste Künstlerische Direktion in Schwarz-weiß (Szenenbild: George Milo); Beste Regie für Hitchcock; Janet Leigh kam für die Rolle der Marion Crane als Beste Nebendarstellerin in Frage. Bei den Academy Abwarts ging die Crew letztlich leer aus. Trotzdem: Das American Film Institute setzte den Streifen auf Rang eins der 100 Years…100 Thrills, einer Liste der bedeutendsten Thriller des 20. Jahrhunderts.

Der Aufstieg aus der Trivialliteratur

Joseph Stefano adaptierte mit dem Drehbuch eine Novelle des US-Autors Robert Bloch, der bis dahin weniger bekannt war. Bloch arbeitete zuvor für eine Werbeagentur und veröffentlichte Erzählungen in Pulp-Fiction-Magazinen. Blutige und weitaus unappetitlichere Details wurden nicht aus dem Buch übernommen. Auch die Charakterisierung des Norman Bates hat sich mit der sympathischen Darstellung Perkins geändert. Anlehnungen an den mysteriösen Ed Gein bleiben trotzdem erhalten. Obwohl Stefano nach eigenen Angaben von Blochs Anlehnung an den verurteilten Mörder nichts wusste. Ausgestopfte Vögel bilden die Parallele zu Ed Gein, der Vaginas und Nasen aus Leichen ausschnitt und sammelte. Kann das Buch mit dem Film konkurrieren? Wer die ersten zwei Seiten des Probeexemplars liest – Übersetzung von Hannes Riffel –, dem wird die etwas andere Qualität des Romans ersichtlich. Die psychologische Raffinesse scheint sogar mehr zum Tragen zu kommen.

Psycho als Exempel guter Unterhaltung

Zugegeben: Aufgrund fehlender Affinität zum Krimi hatte ich zuerst keine großen Ambitionen, mir diesen Film anzusehen. Im März 2013 kam der biografische Spielfilm Hitchcock in die deutschen Kinos. Ich wurde aufmerksam! Anthony Hopkins spielt darin gekonnt und komisch den Regisseur auf seinem Weg, Psycho selbst zu produzieren. Im Nachhinein erklären sich manche Jokes erst demjenigen, der zuvor den Film von 1960 gesehen hat. Psycho ist bis heute mehr als empfehlenswert. Ein Pflichtfilm für Studenten der dramaturgischen Spannung. Ein Paradebeispiel des Thrills. Übrigens: Wenn Sie sich den Film das erste Mal ansehen möchten, rate ich davon ab, im Internet weiter über das Thema zu recherchieren. Nicht umsonst soll Hitchcock vor der Premiere sämtliche Buchausgaben Robert Blochs aufgekauft haben.


Psycho, 109 min, schwarz-weiß
Produktion und Regie: Alfred Hitchcock
Kamera: John L. Russell
Buch: Joseph Stefano, Robert Bloch
Besetzung: Janet Leigh, Anthony Perkins, Vera Miles u. a.

Premiere: USA, 1960

Literaturvorlage von Robert Bloch, 1959
Übersetzungen: Paul Baudisch (Heyne, 2004); Hannes Riffel (Golkonda, 2012)
Fortsetzungen des Films: Psycho II (Richard Franklin, 1983); Psycho III, (Anthony Perkins, 1986); Psycho IV – The Beginning (Mick Garris, 1991)
Weitere Adaption: Psycho (Gus Van Sant, 1998)

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