Gatsby – Der romantische Realist

Buchbesprechung „Der große Gatsby“ (F. Scott Fitzgerald/Walter Schürenberg).

Was tut ein Mann, um eine Frau zurückzugewinnen? Der Sohn eines Farmers verliebt sich in das Mädchen reicher Eltern, Daisy. Seine Uniform lässt sie über seine Armut hinwegtäuschen. James Gatz wird zum Kriegseinsatz nach Europa abkommandiert; das Mädchen heiratet einen anderen. Diese Vorgeschichte ist keine Zusammenfassung für einen Liebesroman. Der große Gatsby hat etwas Ironisches. Eine Verhöhnung des amerikanischen Traums. Die Methoden des auf undurchschaubare Weise reich gewordenen Gatz, genannt Jay Gatsby, sind absonderlich, romantisch – und zugleich durchtrieben.

Das Geheimnis eines Klassikers

Die Residenz des Bankiers Otto Hermann Kahn auf Long Island
Gatsbys Villa? Die ehemalige Residenz des Bankiers Otta Hermann Kahn auf Long Island ist heute ein Hotel.

The Great Gatsby wurde 1925 veröffentlicht. F. Scott Fitzgerald war als Novellist bereits bekannt. Relativ mäßigen Erfolg brachte ihm das Buch: 23 000 Amerikaner kauften den großen Gatsby bis zum Tod seines Autors. Zehn mal soviel Zuschauer erreichte die Verfilmung mit Leonardo DiCaprio allein zum deutschen Kinostart vom 16. Mai 2013. Schon in den Siebzigern verschaffte Robert Redfords Darstellung dem Roman eine weitreichende Geltung. Seit den zwanziger Jahren wurde er insgesamt fünf mal verfilmt. Worin liegt das Geheimnis? In den realistischen Abhandlungen menschlicher Subtexte? Die Personen äußern ihre Meinung – und meinen etwas Anderes. Nach Jahren begegnet Daisy ihrer Jugendaffäre Gatsby:

‚Aber nein, ich freue mich wahnsinnig, Sie wiederzusehen.‘ Wieder eine Pause; sie dauerte entsetzlich lange. Ich hatte in der Diele nichts mehr zu tun, und so ging ich hinein. Gatsby, immer noch die Hände in den Taschen, stand gegen den Kamin gelehnt und bemühte sich krampfhaft um eine zwanglose, ja gelangweilte Haltung.

Worum geht es?

Der Ich-Erzähler, ein Börsenmakler aus wohlhabenden Verhältnissen, sucht sein Glück in New York. Gatsby begegnet er als seinem mysteriösen, reichen Nachbarn. Dieser hat sich eine prunkvolle Villa gekauft, gegenüber Daisys Anwesen. Über den Ursprung seines Reichtums kursieren Gerüchte: Er sei ein Schmuggler, Kriegsheld, Mörder. Regelmäßig veranstaltet er große Partys. Unzählige Besucher gehen ein und aus: die Reichsten, Prominentesten, auch Ungeladene, Schwätzer und Neugierige. Kaum jemand bekommt den Hausherren zu Gesicht. Der große Gatsby legt nicht viel Wert auf die eigene Unterhaltung. Eine Eigenschaft, die ihn auszeichnet, ihm eine geheimnissvolle Charakterisierung verschafft. Denn die Frau, die er liebt, lässt sich zunächst nicht ungeladen blicken. Ein zufälliges Treffen muss der Ich-Erzähler arrangieren. Dieser verachtet Gatsby eigentlich. Und nicht nur ihn; in der ironischen Erzählweise führt es der Übersetzer vor:

Gatsby zeigte auf eine überaus farbenprächtige, geradezu orchideenhafte Frau, die kaum noch etwas von einem menschlichen Wesen an sich hatte. Sie saß dekorativ unter einem weißen Pflaumenbaum.

Auch Daisy beschreibt er in einer Weise, die sie eher dümmlich erscheinen lässt:

Wieder lachte sie, als habe sie etwas sehr Geistreiches gesagt[.]

Sich selbst spricht der Erzähler besonderes Taktgefühl zu – auch beschreibt er sich als Mann ohne Ehre. Über sein Vermögen, eine Liebschaft diskret zu beenden, bevor er eine neue Beziehung anfängt, schreibt er:

[…] ich bin einer der wenigen anständigen Menschen, die mir im Leben begegnet sind.

Viel mehr als Partys, Geschwätz und Langeweile kommt im ersten Teil des Romans nicht auf. Dafür eine psychologisch spitzfindige Beschreibung der High Society jener Zeit in New York, der Dekadenz der Goldenen Zwanziger. Fitzgerald lebte selbst auf Long Island. Er beschreibt die Menschen aus seiner Umgebung. Zeitgenössische Kritiker bestätigen die treffende Interpretation einer amerikanischen Gesellschaft. Noch skurriler erscheint sie am Ende; drei Menschen kommen zu Tode, es gibt keine Partys mehr, die Gerüchte scheinen sich zu bestätigen …

Die Übersetzungen des großen Gatsbys

Seit ein paar Jahren bieten die Verleger mindestens vier Neuübersetzungen. Teilweise, so heißt es, basieren sie auf Schürenbergs Variante von 1953. Ich habe mir die Leseproben einiger Varianten angeschaut: Die Sprache ist modern und auch beseelt. Nach meinem Eindruck hat Walter Schürenberg jedoch eine eigene Poesie geschaffen, wohingegen einige Neuübersetzungen wortgetreu das Original wiederzugeben scheinen. Übrigens sind die Urheberrechte von Fitzgeralds Werken mittlerweile verfallen; daher gibt es das englische Original von The Great Gatsby günstiger zu kaufen. – Wer den großen Gatsby ließt, muss bereit sein, sich auf die Sprache einzulassen. Als Teenager bin ich daran gescheitert, nach ein paar Seiten gab ich auf. Wenn ich mir die leicht vergilbten Seiten heute ansehe, verstehe ich, was gemeint ist. Der galante Ich-Erzähler weiß sich auszudrücken. Fein spiegelt Schürenberg die Worte eines arroganten, wohlerzogenen und taktsicheren Börsenmaklers. Im Blick dieses Mannes: der große Gatsby.

Der große GatsbyRoman, 189 Seiten
Von F. Scott Fitzgerald
Übersetzung von Walter Schürenberg, 1953

Diogenes Verlag, 1974
ISBN 3 257 20183 4

Weitere Übersetzungen: Maria Lazar (Knaur, 1928); Bettina Abarbanell (Diogenes, 2007); Reinhard Kaiser (Insel, 2011); Lutz-W. Wolff (dtv, 2011), Johanna Ellsworth (Nikol, 2011)

Originalausgabe: The Great Gatsby, 1925

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