Wenn die Guten verlieren

Kritik zu „The Walking Dead“, Staffel 1–3.

DVD-Titel der ersten Staffel. © FOX
DVD-Titel der ersten Staffel. © FOX
„I’m not the good guy anymore“ erklärt Sheriff Rick Grimes, während er darüber nachdenkt, einen Gefangenen zu exekutieren, einen Teenager – keinen Untoten. Die Zombieserie The Walking Dead zeigt auch das, was man erwartet: Splatter, Röcheln und hinkende Untote – Komisch, dass den Leuten so etwas nicht langweilig wird. Seit 2010 gewinnt die 16-mm-Verfilmung in den USA immer höhere Einschaltquoten. Zombies sind der Renner. Ich möchte mal was Neues sehen, erlebe stattdessen fantasielos gestaltete Zombiestatisten, die der Serie auch noch zu Emmy-Auszeichnungen für das beste Make-up verhelfen … Trotzdem kann ich mich der Comicverfilmung nicht entziehen.

Gute Entscheidung – Böse Entscheidung

Rick Grimes überlebt die Apokalypse, findet seine Familie und schlägt sich mit weiteren Überlebenden durch das von Untoten geplagte Atlanta. Dabei trifft er auf weitere Gruppen und Einzelne, teils mit feindlicher, teils mit besserer Gesinnung. Auch die eigene Gruppe kämpft mit moralischen Fragen. Wie weit darf man gehen, um das eigene Wohlergehen zu sichern? Derlei Überlegungen machen die Serie nicht völlig stumpfsinnig, auch wenn die Entscheidungen der Mitglieder manchmal etwas konstruiert wirken, mehr dem Drehbuch als Logik zu folgen scheinen.

Was für mich den Reiz der Episoden ausmacht, ist die Endzeitatmosphäre zwischen den Dialogszenen, die wahnsinnige Spannung, die mich am Bildschirm kleben lässt und die Entwicklung einzelner Charaktere, teilweise auch richtig gut gespielt. Jon Bernthal, in der zwiespältigen Rolle von Shane Walsh, schafft es, fragwürdige Aktionen wie das Töten eines Gefährten nicht sinnlos erscheinen zu lassen. Seinem besten Freund Rick erklärt er: „You can’t just be the good guy and expect to live. Not anymore.“ Auch eine Figur wie Daryl, gespielt von Norman Reedus, weckt mit ihrer Verkörperung von harter Schale und weichem Kern meine Sympathie. Es sind vor allem die Nebenrollen und Sidekicks, die den Geist der Serie ausmachen.

Köpfe rollen – auch hinter den Kulissen

Trotz wachsender Zuschauerzahl kürzte der US-Sender AMC das Budget in der zweiten Staffel von 3,4 auf 2,7 Millionen Dollar. Frank Darabont, der Regisseur von The Green Mile, realisierte die erste Episode, schrieb teilweise die Drehbücher. Bevor er gefeuert wurde, gehörte er zum Produzentenstab.

Der Fernsehsender macht von seiner Befugnis als Produzent künstlerischen Gebrauch: Weniger sichtbare Zombies sollten es in der zweiten Staffel werden, zusätzlicher Episoden werden trotz finanzieller Kürzung gedreht – vielleicht aber ermöglicht AMC damit erst das Langzeiterlebnis, das The Walking Dead von üblichen Horrorfilmen abhebt. Nichtsdestotrotz erzeugen diese Vorgaben in der zweiten Staffel sichtbare künstlerische Auswirkungen wie langgestreckte Indoor-Dialoge. Die einzelnen Folgen von Staffel 2 sind weniger als Einheiten erkennbar und beinhalten eher Teile größerer Handlungsstränge.

Macht süchtig

Wer die Serie jedoch mag – ich zähle mich selbst dazu –, wird sich nicht davon losreißen können, sie weiterzuverfolgen. Über fünf Millionen Amerikaner haben sich den Pilotfilm auf AMC angesehen. Seitdem verdoppeln und verdreifachen sich die Einschaltquoten. Ein Ende der Produktion ist nicht abzusehen. Die DVDs gibt es auch auf Deutsch mit einer FSK-Freigabe ab 18 Jahren.


The Walking Dead, Staffel 1–3
USA 2010–2013
Originalsprache: Englisch
Besetzung: Andrew Lincoln, Jon Bernthal, Sarah Wayne Callies, Laurie Holden, Steven Yeun, Michael Rooker, Norman Reedus, Melissa McBride, Chandler Riggs u. a.

Erhältlich als DVD, Blu-Ray oder Stream.

Dieses Buch könnte gefährlich sein

Rezension zu Ayn Rands „The Fountainhead“.

Titelbild der amerikanischen Taschenbuchausgabe.
Titelbild der von mir gelesenen amerikanischen Taschenbuchausgabe.
Gefährlich – das heißt, wenn man den Roman nicht zu Ende liest. Genauer gesagt, man könnte Ayn Rand missverstehen, wenn man das Buch nach 300 Seiten beendet. Auf Deutsch erschien es unter den Titeln Der ewige Quell und Der Ursprung. Mir kam es nie in den Sinn, The Fountainhead beiseitezulegen. Auf die Autorin bin ich erst aufmerksam geworden, als ich einen Bericht über eine Inszenierung im Deutschen Theater in Berlin gelesen hatte. Jürgen Kuttner verarbeitete den Stoff des Romans und stellte ihn einem alt-sozialistischen Thema gegenüber. Denn Ayn Rand hat eine Ideologie des reinen Kapitalismus kreiert: Objektivismus.
In den USA kennt sie jeder. Ayn Rand wird in den Vereinigten Staaten in der Schule behandelt wie Goethe in Deutschland. Nun können politische Ansichten variieren. Persönlich stehe ich den meisten Ideen neugierig wie kritisch gegenüber. Was für Botschaften dieses Buch auch haben mag, ich fühle nicht, dass mir eine Meinung aufgezwungen wird. Das ist eher ein Appell, mir meinen eigenen Kopf zu machen, Mut zu schöpfen für eigene Ideen. The Fountainhead ist ein Buch, das meiner Seele den Platz zeigt, auf dem sie sich ausbreiten kann. Es ist ein Buch wie kein anderes, geschrieben für Menschen, die keine anderen sind; die Preisung des Individuums.

Der Weg des Howard Roark

The Fountainhead ist die Geschichte eines Architekten, Howard Roark. Über seine Kindheit wird nicht viel erzählt. Einem Kommilitonen verhilft er zum Diplom, selbst geht er ohne Abschluss von der Universität. Roark interessiert nichts mehr als das Errichten von Gebäuden, das Überwältigen der Natur. Dabei vertritt er ästhetische Prinzipien, die mit den Traditionen im Zwiespalt stehen; denn die haben seiner Meinung nach ihre Rechtfertigung verloren.
Die Art, wie Roark seine Prinzipien durchsetzt, lässt ihn zu einem Außenseiter werden, einem Egoisten. Das Nicht-Interesse für soziale Anpassung macht ihn anderen verhasst, mir als Leser aber sympathisch. Als erfülle er eine tief verborgene Sehnsucht, sich nicht um andere zu kümmern. Das Spannende daran ist, dass er damit der Gesellschaft einen größeren Dienst erweist als die sogenannten Second-Hander, wie er die gesellschaftlich Angepassten nennt, die sich auf die Errungenschaften fremder Schöpfer stützen.
Es geht eigentlich nicht um Architektur. Rand benutzt dieses Thema nur als Beispiel. Auch die Boulevard-Presse wird im Buch ausführlich behandelt. Liebe nimmt einen ungewöhnlichen, extrem kraftvollen Part in der Geschichte ein. Sie ist nicht integriert, um das Bedürfnis nach leicht verdaulicher Literatur zu stillen. Durch ihren symbolischen Wert gewinnt der Roman zusätzlich an Bedeutung.

Unverschnörkelter Stil

Entgegen dem, was ich in der Schule gelernt habe, beginnen die Satzreihen oft mit dem gleichen Artikel. Rand ändert die Satzkonstruktion nicht, wenn es nicht nötig ist. Das erscheint einfach. Es ist befreiend, so etwas zu lesen. Jedes Wort meint etwas. Es ist immer ein Mitteilungsbedürfnis der Autorin erkennbar. Ihre Objektbeschreibungen haben trotzdem eine eigene Poesie. Rand schreibt nicht wie ein Literat der schönen Worte, eher wie jemand, der aus eigener Erfahrung spricht. Genau das macht den literarischen Wert der Erzählung aus. Diese Frau hat genau recherchiert, sich Gedanken gemacht, was sie sagen möchte. Jedes Kapitel hat eine Existenzberechtigung; ich möchte weiterlesen, um zu erfahren, was mir Ayn Rand sagen will. Teilweise wird das Bedürfnis gleich gestillt, teilweise ergeben die Handlungsstränge erst später im Verlauf einen Sinn, einen überraschenden Moment. Wahrscheinlich hat sich Rand mit Hegel auseinandergesetzt; ein dialektisches Prinzip macht sich in der Dramaturgie deutlich: In jeder Blüte steckt ein Körnchen, woraus neue Blüten entstehen – Roark akzeptiert jede Niederlage mit naiver Gelassenheit.
Ayn Rand lebt ihre Philosophie vor. In ihren Notizen schreibt sie:

„Isn’t it like the people who worry greatly about fine points of ‘style’ and grammar in literature, without caring what the writing is about?“

Auf Deutsch nach meiner Übersetzung:

„Ist es nicht wie bei den Leuten, die sich peinlichst vor literarischem Stil und Grammatik fürchten, ohne sich darüber zu kümmern, worauf es im Geschriebenen ankommt?“

The Fountainhead wurde nach Angaben im Nachwort von zwölf Verlagen abgelehnt, bevor es 1943 veröffentlicht und zwei Jahre später zum Bestseller wurde.

Das Beste, was ich je gelesen habe

Ohne Übertreibung. Das einzige Buch, was mich vielleicht annähern so sehr beeinflusst hat wie dieses ist Die Kunst des Liebens, ein Sachbuch von Erich Fromm. Wobei ich das einfach nur bereichern fand – The Fountainhead hätte ich schon als 16-Jähriger lesen können, es hätte mir gefallen, es spiegelt die Rebellion wieder, die man in der Pubertät oft erlebt. Wenn ich jetzt vor beruflichen Entscheidungen stehe, frage ich mich: Was würde Howard Roark machen? Die Antwort ist stets eindeutig.
Danke, Howard Roark. Danke, Ayn Rand! Dabei ist es nicht mal dein Hauptwerk. Aber den Rest werde ich mir auch noch vornehmen!

Ich rufe alle Interessierten auf, dieses Buch zu lesen, und zwar bis zum Ende. Und das meine ich wörtlich. Vielleicht liegen die Quellen der Korruption in der Welt ja wirklich in den Menschen, die Ayn Rand nicht zu Ende gelesen haben.


The Fountainhead, 704 Seiten
New American Library
ISBN 978-0-451-19115-1
Erstausgabe: The Bobbs-Merrill Company, 1943

Deutsche Ausgaben:
Der Ursprung
Gewis-Verlag, 2000
ISBN 3932564367

Der ewige Quell
Goldmann Wilhelm GmbH, 1993
ISBN 344203700X

Relative Wirklichkeit

Rezension zu Ulrich Tukurs Novelle „Die Spieluhr“.

Wieder ein Buch, das mir ein Freund empfahl. Diesmal mit der Bemerkung, dass es nicht sein Geschmack sei, mir aber sicher gefallen würde. Die Spieluhr ist eine kleine Novelle, die ich auf einer sechsstündigen Busfahrt so gut wie durchgelesen hatte.

Nach einer wahren Begebenheit

Séraphine Louis: L'arbre de vie, 1928. Ein Gemälde dieser Art wird im Buch erwähnt und im Film von Martin Provost gezeigt.
Séraphine Louis: L’arbre de vie, 1928. Ein Gemälde dieser Art wird im Buch erwähnt und im Film von Martin Provost gezeigt.
Der Schauspieler Ulrich Tukur möchte mir Glauben machen, das diese Geschichte wirklich passiert ist. Er schreibt aus seiner eigenen Perspektive. Ein Filmdreh in einem kleinen Dorf in Frankreich. Der Regieassistent lässt sich nicht blicken. Der Dreh muss verschoben werden. Schließlich taucht er wieder auf. Seine Entschuldigung lässt zwei Vermutungen zu: Entweder ist er geisteskrank oder die Welt ist nicht das, was sie scheint.

Ich schlage mich durch etliche Seiten mit immer wieder neuen fantastischen Bildbeschreibungen. Eine Erklärung dazu erhalte ich nicht und ich beginne mich zu langweilen. Überlege mit dem Lesen aufzuhören, aber da meine Busfahrt noch nicht vorbei ist, gebe ich dem Buch eine Chance. Auf Seite 133 finde ich eine Stelle, die meine Perspektive grundlegend ändert.

„Ich weiß nicht warum, aber ich hatte plötzlich das deutliche Gefühl, daß diese Kammer der Schlüssel war, der mir die Rückkehr in meine Wirklichkeit ermöglichte, einer Wirklichkeit, von der ich nun allerdings wußte, daß es sie gar nicht gab.“

Albert Einstein poppt mit seiner Relativitätstheorie in meinem Kopf auf. Ich erinnere ich mich an Welten wie in Stephen Kings Der Turm. Vorher hatte ich die Novelle eher als vergeblichen Versuch gesehen, Mystery im Stil von E. T. A. Hoffmann darzustellen. Übrigens erinnert mich die romantische Sprache auch ein wenig an einen alten Meister: Joseph von Eichendorff.

Schauen und Lesen

Der Besitzer des Exemplars weißt mich darauf hin, dass es den Film, der im Buch gedreht wird, wirklich gibt. Er heißt Séraphine. Gerade am Anfang der Novelle könnten einige Dinge erst verständlich werden, wenn man den Film kennt. Wer mit E. T. A. Hoffmann oder Stephen Kings ersten Teil des Turms etwas anfangen kann, dazu etwas Geduld mitbringt, dem möchte ich Ulrich Tukurs Novelle auf jeden Fall empfehlen.


Die Spieluhr – Eine Novelle von Ulrich Tukur, 151 Seiten

Ullstein Buchverlage GmbH, 2011
ISBN 978-3-550-08030-2

2. Auflage

Krimi im Weltall

Rezension zu Frank Schätzings Roman „Limit“.

Der lunare Norden. Ungefähr in der Mitte, zwischen den drei kleinen Kratern, befinden sich die Montes Alpes, das Ziel der Reisegruppe. Quelle: dlr.de
Der lunare Norden. Ungefähr in der Mitte, zwischen den drei kleinen Kratern, befinden sich die Montes Alpes, das Ziel der Reisegruppe. Quelle: dlr.de
Vor einem Jahr viel mir auf, dass in meinem Umkreis fast alle Krimis lasen. Mit dem Genre hatte ich mich nie viel beschäftigt. Nicht mal Tatort hab ich geguckt. Einer meiner Kollegen wusste von meiner Neugier für Politik und Wirtschaft; ich erklärte ihm zudem, dass ich eher an gehobener Science-Fiction interessiert wäre. Der Kollege war Frank-Schätzing-Fan und lieh mir seinen Wälzer, nachdem er ihn selbst durchgelesen hatte: Limit. Das war im März 2013. Sein Umzug in eine andere Stadt war für den Sommer schon festgelegt; ich hatte also nicht viel Zeit, wenn ich ihm das Buch durchgelesen zurückgeben wollte.

Nach dem ersten Kapitel dachte ich: „Wow, die Hauptfigur ist dahin, was jetzt?“ Auf jeden Fall wollte ich weiterlesen. Das Problem: Limit hat über 1300 Seiten! Nun konnte ich seitdem nicht durchgängig weiterstöbern – an fehlender Spannung lag es nicht. Nach elf Monaten habe ich es geschafft.

Verfolgungsjagden auf Mond und Erde

Im Jahr 2025 liegt die Ölbranche brach. Helium-3 heißt der neue umweltfreundliche Rohstoff zur Energieerzeugung. Und der wird auf dem Mond abgebaut. Die Handlung von Limit ist auf kleine und große Stränge verteilt, die langsam aufeinander zulaufen. Da gibt es eine Reisegruppe von Prominenten, die sich zu einem Ausflug auf den Mond begeben. Zunächst scheint es ungefährlich zu sein. Dann gibt es da einen Cyber-Detektiv: Owen Jericho muss nebenbei auch Außeneinsätze erledigen. Die ersten paar hundert Seiten sind von Zustandsbeschreibungen durchsetzt, duzende von Figuren werden eingeführt – schwer sich alle zu merken –; dabei erfahre ich etwas über die Gedankenwelt, Probleme und Karrieren der größtenteils steinreichen Protagonisten: Aktienmakler, Firmengründer, TV-Stars.

(Am Ende wird sich herausstellen, dass es ein Personenregister im Buch gibt. Für mich wird diese Entdeckung zu spät kommen.)

Zwischendurch wechselt das Tempo. Die Handlung wird von knallharter Action durchsetzt. Nach den ersten 300 Seiten nimmt das Spektakel an Fahrt zu. Ich merke, dass die Bezeichnung „Thriller“ für diesen Roman zutrifft.

Wissenswerte Unterhaltung?

Limit ist extrem brutal. Menschen sterben unerwartet. Ich denke mir: Macht sich Frank Schätzing jetzt über mich lustig? So viel Trivialität. Darauf hab ich eigentlich keine Lust. Ist mir zu plump. Effekthascherei. Trotzdem will ich noch wissen, wie es weitergeht … Zwischendurch bin ich so eingenommen, dass ich Probleme beim Einschlafen habe. Ich erfahre außerdem Wissenswertes über Physik und politische sowie wirtschaftliche Strukturen. Die Handlung von Limit spielt in der Zukunft, bedient sich aber Fäden politischer Vergangenheit und Gegenwart, vor allem in China. Der Roman zieht sich durch internationale Schauplätze von Äquatorialguinea über Kanada, London und Berlin. Bezüge zu Geheimdiensten und Sicherheitsfirmen werden anschaulich erläutert.

Unglaubwürdiges und Vorstellbares

Limit greift auf viele Sparten zu, lässt sich aber mit dem Begriff Science-Fiction am wenigsten einordnen. Manchmal denke ich, die eine Figur müsste jetzt schon längst tot sein, Frank Schätzing hat zu viele Hollywood-Thriller im Kino gesehen. Andererseits ist es nun mal ein Thriller und kein philosophischer Roman. Also finde ich mich damit ab. Abgesehen vom Spektakel ist Limit sogar extrem glaubwürdig, erhellend und freigeistig – sozialkritisches Denken wird zugelassen. Der Autor hat wirklich gut recherchiert. Ich kann mir die Zukunft genau so vorstellen.

Limit werde ich wohl nicht in die Reihe der besten Bücher ordnen, die ich jemals gelesen habe. Trotzdem habe ich den Schinken genossen. Nun habe ich ein Bild davon, wie es sein könnte, auf dem Mond zu leben. Mein Eindruck: Dorthin möchte ich auf keinen Fall! Zu gefährlich. Ich habe Angst. Danke, Frank Schätzing! Ach ja, mein Kollege bekommt sein 1-Kilo-Buch jetzt verspätet mit der Post zurück.

Limit, Roman, 1312 Seiten
Von Frank Schätzing

Fischer Taschenbuch Verlag, 2011
ISBN 978-3-596-18488-0

Originalausgabe: Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2009

Die Welt geht unter

Rezension zu Lars von Triers Melancholia.

Standbild aus der Einleitung von Melancholia. Kirsten Dunst wurde für die Darstellung von Justine mehrfach ausgezeichnet, darunter als beste Darstellerin in Cannes. © www.melancholiathemovie.com
Kirsten Dunst wurde für die Darstellung von Justine mehrfach ausgezeichnet, darunter als beste Darstellerin in Cannes.
© www.melancholiathemovie.com
Vor einigen Monaten sah ich Lars von Triers Antichrist und einige Interviews des dänischen Regisseurs. Ich wusste, dass beide Filme von seiner depressiven Phase beeinflusst waren oder daraus entstanden. Ich dachte, dass ich mir so etwas wie Antichrist nicht noch einmal antun würde. Das war mir zu zermürbend, kontrastlos, der weibliche Protagonist, dargestellt durch Charlotte Gainsbourg, zu dunkel, nicht nachvollziehbar. Obwohl der Film auch seine guten Seiten hatte, möchte ich nicht weiter darauf eingehen. Denn Melancholia hat mich vollkommen überzeugt.

Wenn die Erde im Nichts verschwindet

Zu Beginn sehen wir das Ende: Die Erde verschmilzt in einem fremden Stern. In Zeitlupe sehen wir Bilder von Menschen, deren Lebenszeit womöglich noch aus wenigen Minuten besteht. Es sind Bilder wie aus einem Gemälde. Dabei denke ich an Salvador Dalí und an das Szenenbild aus dem Science-Fiction-Film The Cell vom Jahr 2000. Es gibt zwei Akte: Justine und Claire, zwei Schwestern. Die eine gibt sich ihren Depressionen hin. Die andere versucht, glücklich zu sein. Die Handlung ist dünn. Eine Hochzeitsgesellschaft, der die Braut Justine mal zu entkommen versucht; mal möchte sie mit jemandem reden, aber alle denken nur an sich oder ihren Beitrag zu der pompösen Feier. Justine hat Ahnungen, was passieren wird; sie weiß Dinge, die andere nicht wissen. Im zweiten Teil sehen wir die letzten verzweifelten Tage der todgeweihten Familie; Claire in der Hoffnung, der fremde Planet möge vorbeiziehen.

Deprimierend?

Ja, die Atmosphäre des Films gleicht dem zwei Jahre zuvor veröffentlichten Antichrist. Aber hier konnte ich alles nachvollziehen. Das muss wohl an mir liegen. In einem interessanten Gespräch konnte ich mir die gegenteilige Meinung eines Freundes einholen. Der erzählte mir, wie wütend er auf die Rolle der Justine geworden ist, die sich so sehr der Gesellschaft verweigert. „The earth is evil“, sagt sie einmal zu ihrer Schwester. Zu diesem Zeitpunkt scheint sie sich aus ihrer Depression befreit zu haben, scheint sich auf den Untergang zu freuen. Melancholias Charaktere teilen sich vor meinen Augen in zwei Arten: Ehrliche und die, welche sich bis zum Ende selbst etwas vormachen.

Eine Gesellschaft von Lügnern

Die Darsteller wurden gut besetzt. Lars von Trier lässt seine Nebenrollen entweder lügen oder wirft sie in Situationen, in denen sie ihre schonungslose Ehrlichkeit offerieren. Übrigens spielt Gainsbourg eine ganz andere Rolle als in Antichrist; Claire ist zickig und ängstlich wie eine Schwester nur sein kann. Kirsten Dunst spiegelt mit Justine dagegen die Aura einer Hexe wider. Eine unsympathische, der ich trotzdem gerne zuschaue.

Es bleibt ein mulmiges Gefühl

Melancholia ist ein philosophischer Film mit guten Dialogen. Einfach und trotzdem gewaltig in seinen Bildern, einigen beeindruckenden Kamerafahrten und fantastischer Musik. Richard Wagners Tristan und Isolde unterstützt genau die Stimmung, die Justine empfinden muss. Eine Stimmung die aus ihrem Umfeld niemand nachvollziehen kann. Wer Melancholia bis zu einer gewissen Stelle gesehen hat und mit Justine sympathisiert, wird den Film lieben. Ich bin einen Tag später immer noch hin und weg von den Bildern, kann kaum noch an etwas anderes denken und bekomme bei der Erinnerung immer noch ein mulmiges Gefühl. Ich bin nicht sicher, ob je ein Film einen so tiefen Eindruck bei mir hinterlassen hat. Vielleicht Stanley Kubricks 2001: A Space Odyssey. Lars von Trier ist ein großer Meister, der den Vergleich mit Regisseuren dieser Klasse nicht scheuen muss.


Melancholia, 130 min
Buch und Regie: Lars von Trier
Kamera: Manuel Alberto Claro
Originalsprache: Englisch
Besetzung: Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg, Alexander Skarsgård, Kiefer Sutherland u. a.

DVD-Release: 2012

Vom Straßendieb zum Offizier

Rezension zur Hörbuchserie Richard Sharpe von Bernard Cornwell.

Indien nach dem Krieg gegen die Marathen: Die britischen Territorien sind rot gekennzeichnet. Mysore liegt im Süden.
Indien nach dem Krieg gegen die Marathen: Die britischen Territorien sind rot gekennzeichnet. Mysore liegt im Süden.
Auf Bernard Cornwell bin ich zuerst durch die Uhtred-Serie aufmerksam geworden, weil ich mich für die Geschichte der Sachsen interessiert habe. Auf einer Reise in England habe ich mich mit Leuten über Cornwell unterhalten. In Großbritannien hat er einen großen Ruf. Er ist der Autor für historische Romane. Bekannt wurde er durch die stetig wachsende Reihe von Richard Sharpe, einem fiktiven britischen Soldaten aus der Zeit der Napoleonischen Kriege. Manchmal wurde ich gefragt, ob ich Richard Sharpe gelesen habe. Nun habe ich mir die ersten vier Episoden als Hörbuch reingezogen. Übersetzt wurden die Bände von Joachim Honnef, für das Hörbuch leicht gekürzt und nach Angaben des Verlags an das englische Original angepasst.

Der unmoralische Kriegsheld

Geschildert wird der Aufstieg Richard Sharpes vom einfachen Soldaten, der ans Desertieren denkt, zum Fähnrich, was für die damalige Zeit ungewöhnlich sein muss. Denn Sharpe wächst als Waisenkind in London auf und beginnt seine Karriere zunächst als Dieb, bevor er der Armee beitritt, um einer Verurteilung zu entgehen.

Die ersten Zeilen lassen eine raue Atmosphäre aufkommen, die immer wieder spürbar wird:

„Es ist seltsam, dachte Richard Sharpe, dass es keine Geier in England gibt. Jedenfalls keine, die er gesehen hatte. Hässliche Viecher waren das. Ratten mit Schwingen. Er dachte viel über Geier nach, und er hatte eine Menge Zeit zum Denken, weil er Soldat war, ein gemeiner, für den die Armee meist das Denken übernahm.“

Der Autor schildert ihn als gutaussehend: blaue Augen, lange schwarze Haare. Er ist ein guter Soldat mit perfekt ausgestatteten Instinkten, wenn es zum Kampf kommt. Er liebt den Kampfesrausch. Das erinnert mich immer wieder an Uhtred. Sharpe kann nicht sterben, denn sonst wäre es nicht möglich, dass über zwanzig Bände von ihm erscheinen. Seine Abenteuer sind unglaublich, aber so glaubhaft dargestellt, wie es nur möglich ist. Mit der Muskete in der Hand scheint ihn nichts aufhalten zu können – gleichzeitig stellt er sich ungeschickt bei dem Versuch an, auf einem Pferd zu reiten. Sharpe ist kein moralisch handelnder Held im klassischen Sinne. Auch wenn es manchmal den Anschein hat. Bei einem Zweikampf in Sharpes Sieg kommt Richard in den Besitz zweier Waffen. Davon wirft er eine seinem Gegner zu, wohl mit Rücksicht die zuschauende Meute und ihre Reaktionen berechnend; mit dem Wissen, dass er mit dem Speer im Vorteil ist, wenn er dem Gegner lediglich einen Säbel zuwirft.

Echte Schauplätze und Persönlichkeiten

Arthur Wellesley in Generalmajor-Uniform; Öl auf Leinwand, von Robert Home, 1804
Arthur Wellesley in Generalmajor-Uniform; Öl auf Leinwand, von Robert Home, 1804
Die Schlachten in den Romanen hat es tatsächlich gegeben. Sharpes Feuerprobe beginnt 1799 vor einem Kampf der British East India Company gegen Tipu Sultan, dem Herrscher von Mysore, in Seringapatam. Die vorislamischen Rituale des Patriarchen erinnern mich an Märchen im Orient, wie von Wilhelm Hauff: Tipu Sultan befragt seine Träume, um militärische Entscheidungen zu treffen. Auch die historische Person Arthur Wellesley ist eine wichtige Figur der Serie. Später wird er durch den Sieg gegen Napoleon in Waterloo berühmt. Cornwell macht ihn zunächst zu einem Förderer Richard Sharpes. Andere Persönlichkeiten, wie Anthony Pohlmann, einem Hannoveraner, der manchmal die Seiten wechselt, verleiht der Autor zusätzliche Spitzbübigkeit als Hochstapler. Sharpe begegnet ihm zunächst auf der Seite der indischen Marathen in der Schlacht von Assaye 1803. In Sharpes Festung, der dritten Episode, wird dieser Krieg an der scheinbar uneinnehmbaren Festung Gawilghur fortgesetzt. Sharpes Trafalgar handelt von der historischen Schlacht am Kap Trafalgar, in die der Held hineingerät. Im Süden von Spanien kämpft die britische gegen die französische Flotte und die mit ihnen verbündeten Spanier.

Sprecher mit Soldatenstimme

Torsten Michaelis macht aus dem Hörbuch eine unverwechselbare Interpretation, die sich perfekt für den rauen Helden und das Soldatentum eignen. Übrigens verleiht derselbe Sprecher auch dem Helden der Scharfschützen-Fernsehserie, Sean Bean, seine Synchronstimme. Angenehm ruhig und zugleich so lebendig, dass ich mich wie ein Teilnehmer des Geschehens fühle. Wenn Michaelis im ersten Band den einzelnen Figuren seine Stimme verleiht, muss ich manchmal überlegen, ob es wirklich derselbe Sprecher ist. In den weiteren Bänden begegne ich hingegen oft Figuren mit der selben Intonation – nicht weiter schlimm, weil trotzdem angenehm. Wenn Sharpes Widersacher Hakeswill zu Wort kommt, bekomme ich Gänsehaut. Diesen perfekten Psychopathen mit der heisernen Stimme kann ich mir mittlerweile gar nicht anders vorstellen. Dabei verliert die Figur kein bisschen Glaubwürdigkeit.

Detaillierte Schlachten

Es ist etwas, dass Bernard Cornwell wohl grundsätzlich auszeichnet: Glaubwürdigkeit. Richard Sharpe kann es zwar nicht gegeben haben, aber die Ereignisse und der Alltag der Protagonisten wurde makellos umgesetzt. Die ehrlichen Gedanken des Helden sind oft schon komisch, stets plausibel. Mich persönlich interessieren eher die Umstände, als die eigentlichen Schlachten, was Richard Sharpe nicht zu meiner Lieblingsreihe macht. Aber die detaillierte Beschreibung der Kämpfe ist sehr typisch für Cornwell. In dieser Serie geht es um kaum was anderes. Was mich dabei überrascht hat, ist jedoch die Spannung der Ereignisse. Oft sitze ich vor meinem Computer und kann den Pausenknopf nicht drücken, weil ich einfach wissen will, wie es weitergeht.

Unterhaltung und Geschichte

Übrigens sind die Bücher in englischer Sprache in den Jahren 1997 bis 2000 erschienen, chronologisch fortgeschrittenere Episoden wurden aber bereits in den 80er Jahren veröffentlicht. Richard Sharpe ist leichte Unterhaltung, brutal, nicht sehr moralisch. Es geht außerdem um Intrigen aus den eigenen Reihen, um Liebe, die immer irgendwann ein Ende findet. Teilweise werden die Hintergründe des Krieges verständlich gemacht. Die historische Genauigkeit und die solide Schreibweise machen die Serie zu einem wertvollen Werk, dass einen interessanten Einblick in die Zeit Napoleons liefert. Lesens- und hörenswert für denjenigen, den die Kriegsschilderungen nicht abschrecken.


Richard Sharpe
, Episoden 1–4
Von Bernard Cornwell

Kuebler Hoerbuch
Sharpes Feuerprobe, ISBN 978 3942270014
Sharpes Sieg, ISBN 978 3942270328
Sharpes Festung, ISBN 978 3942270335
Sharpes Trafalgar, ISBN 978 3942270045

Buchausgaben: Bastei Lübbe AG

Von guten Feen, die nicht da sind, wenn man sie braucht

Kritik zu Wilhelm Hauffs Märchen.

Wilhelm Hauff starb 1827 wenige Tage vor seinem 25. Geburtstag an einer Typhus-Erkrankung.
Wilhelm Hauff starb 1827, wenige Tage vor seinem 25. Geburtstag, an einer Typhus-Erkrankung.
Schon meine Großeltern hatten immer gerne Bücher gelesen. Als ich meine Oma letztes Jahr zu Weihnachten besuchte, zeigte sie mir ihre kleine Bibliothek. Sie öffnete das Fach im Bücherschrank und mein Auge huschte über eine Reihe von Krimis und anderen Romanen, die ich nicht kannte. Dann sah ich auf einem Buchrücken den Schriftzug „Hauffs Märchen“. Eine DDR-Ausgabe des Kiepenheuer-Verlags mit gelben Seiten; vorne und hinten zwei Illustrationen vom kleinen Muck. Ich, der ich Andersen, Ende und die Brüder Grimm immer liebte, hatte Hauff noch nicht gelesen. Hier nun waren all seine Märchen in einem Band. – Weihnachten rückt näher. Bald muss ich das Buch zurückgeben. Zuvor noch möchte ich meine Meinung dazu schreiben.

Die Geschichte vom kleinen Muck kannte ich vorher als DEFA-Film. Hauff veröffentlichte sie 1825 in der Rahmenerzählung Die Karawane. Darin finden sich ausschließlich orientalische Märchen, so Die Geschichte von Kalif Storch und Das Märchen vom falschen Prinzen. Die Struktur von der Erzählung in der Erzählung folgt dem Prinzip von Tausendundeine Nacht. Neben der Karawane enthält diese Sammlung die Schachtelgeschichten Das Wirtshaus im Spessart sowie Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven. Besonders letzteres habe ich gerne gelesen, denn die Rahmengeschichte ist nicht weniger spannend als die darin erzählten Märchen. Eine Gruppe von Reisenden übernachtet in einem einsamen Wirtshaus im Wald. Aus Angst, überfallen zu werden, bleiben sie wach und erzählen sich Geschichten wie Das kalte Herz, eine große Parabel über einen armen Kohlenbrenner, der sich nach Anerkennung und Reichtum sehnt. Weniger bekannt, aber mit großen dramatischen Wendungen versehen, sind Saids Schicksale. Als der Protagonist sich nach einigem Aufwand von einer Räuberbande gerettet glaubt, wird er von ihnen überwältigt, gefesselt und in der Wüste zurückgelassen. Das erinnert mich ein wenig an Woyzeck. Hilflos wie in einer Tragödie, unheldenhaft erscheint er:

Said flehte sie um Barmherzigkeit an, er versprach ihnen schreiend ein großes Lösegeld, aber lachend schwangen sie sich auf und jagten davon. Noch einige Augenblicke lauschte er auf die leichten Tritte der Rosse, dann aber gab er sich verloren. Er dachte an seinen Vater, an den Gram des alten Mannes, wenn sein Sohn nicht mehr heimkehre […]

Wie in vielen Märchen, gibt es auch hier eine gute Fee. Einst hatte sie Said ein silbernes Pfeifchen geschenkt. Sie könnte ihm nun helfen, er bläst hinein, aber zunächst passiert nichts. Dieser angedeutete Realismus ist ungewöhnlich, lässt mich mitfühlen … Ich glaube, das ist etwas, das Wilhelm Hauff so gut macht.

Die erste Veröffentlichung des Märchenalmanachs von 1827, vordatiert auf 1828.
Die erste Veröffentlichung des Märchenalmanachs von 1827, vordatiert auf 1828.
Die Karawane enthält mit Der Errettung Fatmes eine Geschichte ganz ohne Zauber; ein Abenteuer. Im Scheik von Alessandria gibt es ein norwegisches Märchen, in dem der nordische Gott Odin Erwähnung findet: Das Fest der Unterirdischen erzählt von Riesen und Zwergen. Der Inhaltsangabe zufolge stammt die Erzählung von Wilhelm Grimm, obwohl keine entsprechende Veröffentlichung von ihm bekannt ist. Hauffs Märchen sind vielseitig, wenn auch mit meist orientalischem Bezug. In meiner Ausgabe findet sich neben den drei Kapiteln auch eine Art Prolog: Märchen als Almanach handelt von der Personifizierung dessen; fünf Seiten, die zum Weiterlesen motivieren. Detailliert hat mir der Autor seine Bilder vor Augen geführt. Anders als in den meisten Volksmärchen, bekomme ich ausführliche Beschreibungen von Orten und Figuren, und genug Informationen, um mich in das Wesen der Protagonisten hineinzufühlen. Die Moral spielt oft eine Rolle. Wer Hauff ließt, kann eigentlich fast nur ein guter Mensch werden, denke ich. Aber dem 19. Jahrhunderts entsprechend findet sich auch eine Geschichte mit antisemitischen Zügen: Abner, der Jude, der von nichts gewusst hat. Hauff hat auch Jud Süß geschrieben, Goebbels ließ aus dem Stoff einen Film drehen; bis heute ein Aufhängeschild nationalsozialistischer Propaganda. Darüber möchte ich hinwegsehen, wie ich es bei Shakespeare tue … und auch bei Wagner. Das Buch ist im Übrigen weit weniger brutal als die Kindermärchen der Brüder Grimm. Die Sammlung dieses Autors, der seinen 25. Geburtstag nicht erlebte, ist zu gut, um nicht gelesen zu werden.


Märchen
, Sammlung, 384 Seiten
Von Wilhelm Hauff

Gustav Kiepenheuer Verlag, 1990
ISBN 3 378 00121 6

Erste Auflage des vorliegenden Buches: Insel-Verlag Anton Kippenberg, 1911

Das Märchen unserer Zeit

Rezension zu Michael Endes Roman „Momo“.

Michael Ende hatte selbst Schildkröten. Foto: Caio Garrubba
Michael Ende hatte selbst Schildkröten. © Caio Garrubba
Ein kleines Mädchen namens Momo rettet die Welt vor den Zeit-Dieben. Dabei hilft ihr Sidekick Kassiopeia, eine Schildkröte, die immer ein Stückchen in die Zukunft sehen kann. Diese Inhaltsangabe ist natürlich zu einfach und lässt noch nicht den Wahrheitsgehalt der Geschichte erahnen. Denn die Zeit-Diebe gibt es wirklich. Michael Ende beschreibt diese grauen Agenten wie Vertreter des westlichen Egoismus, der Ellenbogengesellschaft. Der Autor erklärt, wie sie aus dem Nichts kommen: „Sie entstehen, weil die Menschen ihnen die Möglichkeit geben zu entstehen. Das genügt schon, damit es geschieht.“

Spiegel der Gegenwarten

1973, sechs Jahre vor der Unendlichen Geschichte, erschien die Erstauflage von Momo. Nach 40 Jahren ist dieser Roman immer noch aktuell. Durch Momos Freunde erleben wir die Auswirkungen des Fortschritts auf Einzelne. Den Aufstieg und die Distanzierung ihrer besten Freunde: Aus Gigi Fremdenführer wird Girolamo, der Superstar. Gastwirt Nino eröffnet ein Schnellrestaurant und verkauft Speisen, die nicht satt machen. Die Kinder kommen in spezielle Depots, um sie von der Straße fernzuhalten und damit sie effektiver lernen können. Dazu fällt mir Tocotronic ein. Die Band hat in den Neunzigern ein Album mit dem Namen Nach der verlorenen Zeit veröffentlicht. Ein Titel trug den Namen Michael Ende, du hast mein Leben zerstört. Was Youtube-Kommentatoren als Ironie begreifen, beschreibt der Sänger Dirk von Lowtzow 1996 in einem Radiointerview:

Könnte […] sein, dass man daraus so’n Autoritätsprinzip entwickelt, wenn man sagt: ,So, du musst jetzt Fantasie haben‘. Oder: ,[…] du darfst dich nicht oberflächlichen Dingen hingeben, und Fernsehen ist eh schlecht.‘ […] Und dass sich eigentlich aus so ’ner vermeintlich antiautoritären Haltung so ’ne totale Autorität entwickelt. (Quelle: tocotronix.de)

Ich habe mir aktuelle Unterrichtsmaterialien angesehen und nahm sie mit Interesse auf. Wünschenswert ist natürlich, dass man selbst Lust hat, den Roman zu lesen. Es wäre zu schade, sich das Werk dieses Schriftstellers zu verbauen. Die Tatsache, dass Momo in der Schule behandelt wird, bildet vielleicht ein typisches Merkmal der deutschen Gesellschaft, die noch nicht vollkommen vom Kapitalismus eingenommen ist. So wie Ayn Rand auf die Ökonomen der Vereinigten Staaten Einfluss genommen haben könnte. Die wirtschaftlich liberal eingestellte Novellistin wird in den USA ebenfalls im Unterricht behandelt. Der ehemalige Waldorfschüler Michael Ende scheint sich dagegen eher fernöstlicher Philosophie zu bedienen, wenn er Momo die Eigenschaft einer guten Zuhörerin gibt, die oft nichts anderes tun muss, um die Probleme ihrer Freunde zu lösen; oder wenn er dem alten Beppo Straßenkehrer folgende Worte in den Mund legt:

Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. […] Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. […] Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie und man ist nicht außer Puste.

Fantasterei oder Sozialkritik?

Momo ist ein Kinderbuch und dürfte auch von Kindern verstanden werden. Der Thienemann-Verlag empfiehlt es ab zwölf Jahren. Ich habe das Buch mit Mitte zwanzig zum ersten mal gelesen. „Es wird dein Leben verändern“, sagte mir eine Freundin, als sie es mir in die Hand drückte. Nun, ich bin mir nicht sicher, ob Momo so viel Einfluss auf mich hatte, denn manchmal fühle ich mich selbst als ein Gefangener der grauen Herren; zumindest machte es mir vieles bewusst. Ähnliche Bedeutungen hatten in meinem Leben bis dahin nur philosophische Werke von Friedrich Nietzsche, Erich Fromm oder Antoine de Saint-Exupérys „Kleiner Prinz“. Momo kann aber auch einfach als ein Buch über Freundschaft und Nächstenliebe gelesen werden, oder als spannendes Abenteuer. Es ist ein intelligentes Märchen, nicht nur ein Kinderbuch. Alles magisch Anmutende wird im Laufe der Geschichte aufgelöst, alles hat einen Sinn. Es ist lehrreich ohne belehrend zu sein. Momo gehört zu den Büchern, die die Welt verändern könnten, sie vielleicht verändert haben.


Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte
Märchenroman, 301 Seiten
Von Michael Ende, 1973

Thienemann, 2005
ISBN 978 3 522 17750 4

Die von mir gelesene Ausgabe von 2005 enthält Originalillustrationen des Autors. Seit August 2013 gibt es zwei Neuauflagen bei Thienemann: eine Jubiläumsausgabe mit neuen Illustrationen von Dieter Braun und eine Retro-Ausgabe.

Das einsame Wolkenkuckucksheim

Filmrezension zu Joseph Kosinskis „Oblivion“ (2013).

2077: Nach einer Alieninvasion ist die Erde entvölkert, der Mond schwebt als Trümmerhaufen am Horizont. Die Menschheit hat sich ein neues Zuhause gesucht. Jack (Tom Cruise) und seine Kollegin Victoria (Andrea Riseborough) sind Abgesandte ohne Erinnerung, wohnen zu zweit in einem Wolkenkuckucksheim. Ja, die Macher dieses Films haben geklaut: aus Matrix, The 6th Day, The Book of Eli … Trotzdem hat Oblivion etwas Besonderes.

Eigene Atmosphäre

Ein kolossales Szenenbild mit in ihm winzigen Figuren wurde von minimalistisch angehauchter Musik der Band M83 untermauert. Musik der französischen Elektropopper wurde schon 2004 für den russischen Film Wächter der Nacht eingesetzt. Der Song Midnight City ist auch aus der Renault-Werbung von 2013 bekannt.

Die Ente der Comicverfilmung

„Based on the Graphic Novel“ lese ich im Abspann. Tatsächlich wurde die Veröffentlichung einer Graphic Novel angekündigt, aber nie umgesetzt. Oblivion ist der zweite Spielfilm des Regisseurs Joseph Kosinski. Vor seinem Disney-Debüt Tron: Legacy arbeitete er an Werbespots für Videospiele. Und damit wäre dieses Rätsel gelöst, heutzutage verkauft sich eine Comicverfilmung wohl besser – auch ohne Comic.

Plakat zur Kinopremiere 2013.
Plakat zur Kinopremiere 2013.
Die Story an sich verspricht mehr. Nur knallharte Actionfans könnten etwas enttäuscht sein, was auch die vielen Verrisse erklärt. Zu Beginn des Films scheint auch nicht viel zu passieren. Nur zwei Schauspieler? Gibt es sonst keine Menschen? Ein klaustrophobisches, mulmiges Gefühl kommt auf. Als jedoch eine Kapsel mit schlafenden Menschen vom Himmel fällt, ändert sich alles. Jacks Welt wird auf den Kopf gestellt.
Der Film ist spannend wie ein Krimi. Im Vergleich zu sonstigen Science-Fiction-Filmen spart er an Action-Elementen und Figuren. Das ist erfrischend, dadurch unterscheidet er sich von anderen Werken seiner Art. Vielleicht wäre es besser gewesen, es konstant durchzuziehen. Die wenigen eher unglaubwürdigen Elemente des Films entspringen diesen Action-Szenen. Dazu eine Schauspielführung, die dem Zuschauer die Unterscheidung zwischen gut und böse einfach macht. Einer Hollywood-Produktion kann das gerecht werden, was also kein großes Problem darstellen muss. Dafür ist die Handlung mit vielen Überraschungen ausgestattet. Nach und wird immer Unglaublicheres aufgerollt. Ich komme ins Grübeln, freue mich mit Jack über die fantastischen Erkenntnisse. Die dramaturgische Prinzip mit der typischen Liebesgeschichte wird etwas gebrochen. Eine fast perfekte Story – mit fast perfektem Ausgang (Aber das ist Ansichtssache).

Hollywoods Ausbruchsversuch

Wer Hollywood liebt, wird sich bei diesem Film womöglich langweilen. Und wer Hollywood hasst, wird ihm vielleicht auch nicht viel abgewinnen können, denn Oblivion versucht auch der klassischen Filmführung gerecht zu werden. Es ist zweischneidig, was wohl auch die geteilte Meinung der Presse erklärt. Ich erwartete nicht viel, wurde aber in dieser Hinsicht enttäuscht – denn Oblivion ist besser als ich erhofft habe. Wer Spannung, Fantasie, eine intelligente Story und gute, mit einem Auge zugedrückte Unterhaltung mag, sollte sich für Kosinskis Werk begeistern lassen.


Oblivion, 124 min
Regie: Joseph Kosinski
Kamera: Claudio Miranda
Buch: Joseph Kosinski, Karl Gajdusek, Michael deBruyn
Originalsprache: Englisch
Besetzung: Tom Cruise, Andrea Riseborough, Morgan Freeman, Olga Kurylenko u. a.

DVD-Release: August 2013

US-Heldenepos der Sechziger: El Cid

Filmrezension zu Anthony Manns „El Cid“ (1961).

Liebe, Ehre, Verrat, Faustrecht und monumentale Schlachten. Der aus Planet der Affen bekannte Omega-Mann Charlton Heston spielt auch in diesem dreistündigen Hollywood-Klassiker den selbstlosen Helden. Im wahren Leben setzte sich der Schauspieler für die Rechte der Menschen ein, arbeitete mit Martin Luther King zusammen.

Die Schlacht um Calahorra in Nordspanien wurde an der Burg von Belmonte gedreht. Foto: Castillodebelmonte
Die Schlacht um Calahorra in Nordspanien wurde an der Burg von Belmonte gedreht.
Foto: Castillodebelmonte
El Cid beschreibt den Weg des kastilischen Ritters Rodrigo Díaz de Vivar. Im 11. Jahrhundert kämpfen Christen und Muslime um die iberische Halbinsel. Als Rodrigo zwei Krieger mit einem Eid um Frieden entlässt, um Blutrache zu vermeiden, gewinnt er die Allianz der freigelassenen Wesire – und die Missgunst des Königshauses. Als er in einem Duell den Vater seiner Verlobten Jimena (Sophia Loren) tötet, erntet er scheinbar auch ihren Hass. Doch der Ritter bleibt denen treu, die ihn verstoßen und gewinnt den Rückhalt verbannter Soldaten. Das im Kampf befreite Land misst er der Krone zu – uneigennützig, gegen aller Erwartung. Ein für die sechziger Jahre typisches Zeugnis christlicher Philosophie, auch den muslimischen Besatzern gegenüber, die ansonsten nicht besonders gut abschneiden. Die Verfilmung zeigt nun mal eine Perspektive aus Hollywood.

Ausgeklügelte Dramaturgie

Regisseur Anthony Mann zeichnet eine spannende und unterhaltsame Version der Geschichte des spanischen Nationalhelden. Wer sich am Pathos nicht stört, wird sich mitreißen lassen und den Film in vollen Zügen genießen können. Bemerkenswert der szenische Aufbau: Sobald sich ein Handlungsstrang dem Ende neigt, zieht ein neues Ereignis den Zuschauer in seinen Bann. 1962 erhielt der Film drei Oscarnominierungen: Bester Song und Beste Filmmusik für Miklós Rózsa sowie Bestes Szenenbild. Der Produzent Samuel Bronston ist für seine aufwendigen Historienfilme bekannt. Mit dem drei Jahre später verfilmten Monumentalfilm The Fall of the Roman Empire besiegelte er letztlich seinen Bankrott. Martin Scorsese bezeichnete El Cid als „einen der größten je produzierten Monumentalfilme“. Bis heute hält diese Behauptung stand. Mittlerweile gibt es eine digital überarbeitete Fassung auf Blu-Ray↗.

El Cid, 182 min, Technicolor
Regie: Anthony Mann
Kamera: Robert Krasker
Buch: Philip Yordan, Fredric M. Frank
Originalsprache: Englisch, Latein
Besetzung: Charlton Heston, Sophia Loren, Raf Vallone u. a.

Premiere: Italien, 1961

Ein Hippie im Deutschen Reich

Hörbuchbesprechung zu „Imperium“ von Christian Kracht.

August Engelhardt, auf dieser Grafik muskulös dargestellt, winkt den Besuchern seiner Plantage zu.
Der muskulös gezeichnete August Engelhardt winkt den Besuchern seiner Plantage zu.
August Engelhardt, ein Aussteiger unterwegs in die Südsee, auf dem Weg, eine neue Welt zu gründen, ein Kokosnussimperium. Er ist überzeugter Vegetarier, frönt dem Nudismus. Im Gepäck eine große Privatbibliothek, Charles Dickens, Georg Büchner und Sachbücher über frutarische Ernährung. Klingt wie ein Spaß? Nun, August Engelhardt ist tatsächlich der Erste Kokosapostel aus der Zeit Wilhelms des Zweiten. Er gründete auf der kleinen Insel Kabakon im Pazifik eine Siedlungsgemeinschaft – obwohl sich die Mitgliederzahl dieses Sonnenordens zunächst auf seine eigene Person beschränkte und auch später kaum Zulauf bekam. Eine komische Gestalt – eine Tragödie. Der in Afrika lebende Schweizer Schriftsteller Christian Kracht hat sich eine eigene Version gesponnen, eine Tragikomödie. Film- und Fernsehregisseur Dominik Graf verleiht dem Roman in einer ungekürzten Hörbuchfassung seine Stimme – kein Schauspieler, aber der richtige Sprecher, mit Sinn für den ironischen Stil.

Der vermeintliche Nazi

Bevor Imperium 2012 im Buchhandel erschien, gab es schon reichlich Diskussionsstoff. Georg Diez berichtet im Spiegel über angebliche Nähe des Autors zu rechtem Gedankengut. Dagegen protestierten zahlreiche Schriftsteller in einem offenen Brief. Darunter die mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Elfriede Jelinek sowie die Kleist-Preisträger Katja Lange-Müller und Daniel Kehlmann. Der Spiegel habe die Grenzen zwischen Kritik und Denunziation überschritten, heißt es darin. Die taz stellt Kracht dagegen „ganz und gar“ als Spießer dar, während die Zeit das Werk als „ganz und gar meisterhaft“ würdigt. In einem ARD-Interview mit Denis Scheck offenbart der Autor seine anfänglichen Pläne, Maler zu werden und zitiert sich selbst: „Vielleicht wäre ich lieber bei meiner Staffelei geblieben.“ Im ersten Kapitel schreibt er:

„So wird nun stellvertretend die Geschichte nur eines Deutschen erzählt werden, eines Romantikers, der wie so viele dieser Spezies verhinderter Künstler war, und wenn dabei machmal Parallelen zu einem späteren deutschen Romantiker und Vegetarier ins Bewußtsein dringen, der vielleicht lieber bei seiner Staffelei geblieben wäre, so ist dies durchaus beabsichtigt und sinnigerweise, Verzeihung, in nuce auch kohärent.“

Parallelen zu Hitler. Sie werden auch am Ende der Erzählung wieder aufgegriffen. Der fanatische Engelhardt beabsichtigt, sich ausschließlich von der Kokosnuss zu ernähren. Sie sei die Krone der Schöpfung, an höchster Stelle der Palme dem Herrgott zugewandt, dem menschlichen Haupte am ähnlichsten; wer sich ausschließlich von der Kokosnuss ernähre, müsse gottgleich werden. Liest man die Schriften des historischen Engelhardts, kommt die unfreiwillige Komik des Propheten tatsächlich zu Tage. Ein Auszug aus dem Kokosevangelium:

„Der Mensch ist absoluter Kokovore.
Der Kokovorismus, die Theophagie, ist der Weg zur vollen Erlösung von Schmerz, Leid und Tod.“

Kracht macht sich die Naivität des Kokosapostels zunutze. Im Vergleich wird die bitterböse Ironie dieser humoristischen Erzählung deutlich. Einen missglückten Mordanschlag schiebt der am Ende geistig schon etwas umnachtet wirkende Engelhardt den Juden zu. Political Correcctness wird hier vorsichtig ausgeklammert. Anfängliche Abscheu offenbart er zuerst gegen die fleischessenden „ihrer Erscheinung nach an Erdferkel erinnernde[n] Deutsche[n]“. Zum Antisemiten entwickelt sich dieser Ur-Hippie erst zum Schluss. Manch einer verträgt den Witz wohl nicht. Der lässt sich auch als mahnendes Beispiel interpretieren.

Sehnsüchte werden erfüllt und zerstört

Eine Postkarte von 1906: Engelhardt (stehend) und sein Jünger Max Lützow.
Eine Postkarte von 1906: Engelhardt (stehend) und sein Jünger Max Lützow.
Einerseits wird der Protagonist als Störenfried beschrieben. Aber zu Beginn gibt es durchaus Ansätze, die eine Identifizierung des Lesers mit Engelhardt ermöglichen. So wie er den rassistischen Gedanken des 19. Jahrhunderts entwachsen scheint, fühlt sich doch auch der heutige Mensch vergangenen Anschauungen überlegen. Die Methoden eines Paradiesvogeljägers sind Engelhardt ein Grauen; die Mehrheit der europäischen Gesellschaft erübrigt hoffentlich ebenso wenig Verständnis für Trophäensammler und Elfenbeinjäger unserer Zeit. Und auch wenn wir die verschrobenen Gedanken des Helden nicht nachvollziehen können, so belustigen sie uns doch. Das gleiche gilt für die Landschaftsbeschreibungen. Christian Kracht bewundert den Witz Erich Kästners. Er versuche kästnerisch zu schreiben, teilte er der ARD mit. Sehnsüchte werden ausgekostet, damit sie am Ende jedoch alptraumhaft entgleiten. Seine Impressionen erscheinen gewagt und romantisch zugleich:

„Nach den Regengüssen zu Mittag erschien stets die Sonne, pünktlich um drei, und herrlich farbenfrohe Vögel stolzierten im Chiaroscuro des langen Grases umher und putzten sich das tropfende Gefieder. Dann tummelten sich in den Pfützen der Alleen, unter den hoch aufragenden Kokospalmen die Kanakenkinder, barfuß, nackend, manch eines in kurzen, zerrissenen Hosen (die mehr aus Loch bestanden als aus Stoff), auf den Häuptern wolliges, aus einer lustigen Laune der Natur heraus blondes Haar.“

Kracht bedient sich des Voyeurismus der Leser und Hörer, beschreibt exotische Aussichten, erzeugt Abenteuerlust. Wie weit kann es der Aussteiger bringen in seinem Utopia? Monetarismus ist ihm verhasst. Die Nicht-Akzeptanz des Geldes lebt er vor. Wird er überleben? Der kommunistische Jesus-Hitler ist zumindest darin erfolgreich, im kafkaesken Stil aus der Nussschale auszubrechen – in eine neue Kokosnussschale hinein.

Interessantes Abenteuer für Augen und Ohren

Imperium ist ein kurzweiliger Roman mit langen, seitenfüllenden Sätzen. Dominik Graf bringt das nötige Geschick auf, sie vor dem Mikrofon zu interpretieren. Man merkt, dass ihm das Buch gefällt. Mit der rauen Stimme eines erfahrenen Mannes, der die Geschichte selbst erlebt haben könnte, macht er die Sprache Krachts verständlich. Wer sich die Zeit nehmen kann, den Text zu lesen, sollte vielleicht dennoch nicht darauf verzichten, denn jedes Wort ist bedeutend, überall versteckt sich ein Witz. Es handelt sich hierbei tatsächlich um ein hervorragendes Werk.


Dominik Graf liest – Imperium von Christian Kracht
, 4 h 57 min, 4 CDs
Sprecher: Dominik Graf
Roof Music GmbH, 2012
ISBN 978 3 86484 009 8

Buch: Imperium, Roman, 256 Seiten
Von Christian Kracht
Kiepenheuer & Witsch, 2012
ISBN 978 3 462 04131 6↗
ISBN 978 3 462 30601 9↗ (E-Book)

Eine Schule der Suspense

Filmrezension zu Alfred Hitchcocks „Psycho“ (1960).

Man muss kein Horrorfan sein, um Psycho zu mögen. Die Elemente des Genres werden angerissen. Mit simplen Bildern erzeugt Hitchcock Spannung – ohne Monster, ohne Schießereien. Eine einfache Story, aber ein genialer Plot. Wer den Film sehen möchte, darf weiterlesen; über den Handlungsverlauf selbst wird nicht zu viel verraten.

Geschickt in Szene gesetzter Krimi

Auf einem Kinoplakat von 1960 mahnt Alfred Hitchcock den Besucher, pünktlich zu erscheinen.
Auf einem Kinoplakat von 1960 mahnt Alfred Hitchcock den Besucher, pünktlich zu erscheinen.
Marion Crane, die Sekretärin eines Immobilienmaklers, soll ein Bündel mit 40 000 Dollar zur Bank schaffen, das Geld eines Kunden für ein neues Haus. Sie verlässt die Stadt mit dem Entschluss, das Geld zu behalten. Sie fühlt sich verfolgt, ein Polizist wird auf sie aufmerksam, sie tauscht ihr Auto, um nicht erkannt zu werden. Freund Sam begibt sich auf die Suche. Ihr Chef hofft, die Angelegenheit noch regeln zu können und setzt einen Privatermittler auf sie an. Als Marion bei Dunkelheit und strömendem Regen ihr neues Auto vor dem Bates Motel parkt, glaubt keiner, dass sie nie mehr zurückkehren wird. Klingt wie ein Krimi? Nun, Psycho nimmt eine dramatische Wendung, noch bevor die Hälfte des Films erreicht ist.

Das Geheimnis des Spannungsaufbaus

Hitchcock beherrscht es, dem Zuschauer Fehlinformationen glaubhaft zu machen. Geschickt platziert er falsche Fährten. Die Spannung wird in der Mitte des Films aufgelöst. Wohl ein Grund, warum das Drehbuch zunächst auf Ablehnung stieß. Alles scheint überstanden, ein Gefühl von Sicherheit, Klarheit umgibt die Sinne des Zuschauers. Nur noch das Ende erwartet er. Bis ein Hinweis einen neuen Handlungsstrang auslöst und alles bisher geglaubte über Bord wirft. Ein Spiel mit Überraschungen.

Janet Leigh als Marion Crane. Mit der Duschszene überschritt Hitchcock die Geschmacksgrenzen der zeitgenössischen Kritiker.
Janet Leigh als Marion Crane. Mit der Duschszene überschritt Hitchcock die Geschmacksgrenzen der zeitgenössischen Kritiker.
Die Szenerie ist einfach gehalten. Auch die Musik hat etwas Minimalistisches; nicht nur die quiekenden Violinen in der Duschszene. Komponist Bernard Herrmann verwendete ausschließlich Streichinstrumente. Seine Partituren verleihen dem Spielfilm eine ungewöhnlich melodiöse Stimmung. Motelinhaber Norman Bates wurde von Anthony Perkins glaubhaft dargestellt. Sein Spiel prägt den Rhythmus von Psycho. Nur in wenigen Momenten scheinen die Anweisungen Hitchcocks durch, die dem Schauspieler gegeben wurden: ein kleines Lächeln für die Kamera. Ansonsten wirken die Schauspieler der Zeit entsprechend authentisch und interessant.

Filmanalytiker Rob Ager↗ bringt die Bedeutung der Bilder auf den Punkt:

Durch den cleveren Wechsel der Identitäten bietet Psycho dem Betrachter ein wahrlich entnervendes Erlebnis – er spielt mit unterschwelligen Schichten, Variationen der Angst. […] Es ist eines der bedeutendsten Beispiele für Subtexte, eingeschmolzen in erzählenden Dialogen. Mit vorbildlichem Grad essenziell für Autoren, die das Medium des psychologischen Schreckens studieren möchten.

Hitchcock setzte die Klospülung durch

Er stand zwar bei Paramount Pictures unter Vertrag, Psycho wollte die Firma jedoch nicht produzieren. So finanzierte der Regisseur den Film zum Großteil selbst; mit 800 000 Dollar – sein letztes Projekt kostete über drei Millionen –; in schwarz-weiß, um Kosten zu sparen. Bilder der sich entkleidenden Protagonistin wurden später zensiert. Der offene Klodeckel musste bleiben – aus einem dramaturgischen Grund … Erste Kritiken reagierten entsetzt auf so viel Realismus. Doch so ablehnend, wie es heute dargestellt wird, waren die Zeitungen nicht. Bosley Crowther von der New York Times↗ bemerkte zwei Monate nach der Premiere in seiner „Antwort an die Kinogänger, die sagen, ‚Psycho‘ solle verboten werden“:

Der Film wäre billig und verurteilenswert, wenn er auf einer ungeschickten Präsentation aufgebaut wäre, wie viele absichtlich aufwühlende Thriller. Aber das ist nicht der Fall. Mr. Hitchcock verwirklichte das Werk mit auffallend cineastischer Kunstfertigkeit.

Psycho bekam vier Oscarnominierungen: Beste Kamera – für John L. Russell – und Beste Künstlerische Direktion in Schwarz-weiß (Szenenbild: George Milo); Beste Regie für Hitchcock; Janet Leigh kam für die Rolle der Marion Crane als Beste Nebendarstellerin in Frage. Bei den Academy Abwarts ging die Crew letztlich leer aus. Trotzdem: Das American Film Institute setzte den Streifen auf Rang eins der 100 Years…100 Thrills, einer Liste der bedeutendsten Thriller des 20. Jahrhunderts.

Der Aufstieg aus der Trivialliteratur

Joseph Stefano adaptierte mit dem Drehbuch eine Novelle des US-Autors Robert Bloch, der bis dahin weniger bekannt war. Bloch arbeitete zuvor für eine Werbeagentur und veröffentlichte Erzählungen in Pulp-Fiction-Magazinen. Blutige und weitaus unappetitlichere Details wurden nicht aus dem Buch übernommen. Auch die Charakterisierung des Norman Bates hat sich mit der sympathischen Darstellung Perkins geändert. Anlehnungen an den mysteriösen Ed Gein bleiben trotzdem erhalten. Obwohl Stefano nach eigenen Angaben von Blochs Anlehnung an den verurteilten Mörder nichts wusste. Ausgestopfte Vögel bilden die Parallele zu Ed Gein, der Vaginas und Nasen aus Leichen ausschnitt und sammelte. Kann das Buch mit dem Film konkurrieren? Wer die ersten zwei Seiten des Probeexemplars liest – Übersetzung von Hannes Riffel –, dem wird die etwas andere Qualität des Romans ersichtlich. Die psychologische Raffinesse scheint sogar mehr zum Tragen zu kommen.

Psycho als Exempel guter Unterhaltung

Zugegeben: Aufgrund fehlender Affinität zum Krimi hatte ich zuerst keine großen Ambitionen, mir diesen Film anzusehen. Im März 2013 kam der biografische Spielfilm Hitchcock in die deutschen Kinos. Ich wurde aufmerksam! Anthony Hopkins spielt darin gekonnt und komisch den Regisseur auf seinem Weg, Psycho selbst zu produzieren. Im Nachhinein erklären sich manche Jokes erst demjenigen, der zuvor den Film von 1960 gesehen hat. Psycho ist bis heute mehr als empfehlenswert. Ein Pflichtfilm für Studenten der dramaturgischen Spannung. Ein Paradebeispiel des Thrills. Übrigens: Wenn Sie sich den Film das erste Mal ansehen möchten, rate ich davon ab, im Internet weiter über das Thema zu recherchieren. Nicht umsonst soll Hitchcock vor der Premiere sämtliche Buchausgaben Robert Blochs aufgekauft haben.


Psycho, 109 min, schwarz-weiß
Produktion und Regie: Alfred Hitchcock
Kamera: John L. Russell
Buch: Joseph Stefano, Robert Bloch
Besetzung: Janet Leigh, Anthony Perkins, Vera Miles u. a.

Premiere: USA, 1960

Literaturvorlage von Robert Bloch, 1959
Übersetzungen: Paul Baudisch (Heyne, 2004); Hannes Riffel (Golkonda, 2012)
Fortsetzungen des Films: Psycho II (Richard Franklin, 1983); Psycho III, (Anthony Perkins, 1986); Psycho IV – The Beginning (Mick Garris, 1991)
Weitere Adaption: Psycho (Gus Van Sant, 1998)

Gatsby – Der romantische Realist

Buchbesprechung „Der große Gatsby“ (F. Scott Fitzgerald/Walter Schürenberg).

Was tut ein Mann, um eine Frau zurückzugewinnen? Der Sohn eines Farmers verliebt sich in das Mädchen reicher Eltern, Daisy. Seine Uniform lässt sie über seine Armut hinwegtäuschen. James Gatz wird zum Kriegseinsatz nach Europa abkommandiert; das Mädchen heiratet einen anderen. Diese Vorgeschichte ist keine Zusammenfassung für einen Liebesroman. Der große Gatsby hat etwas Ironisches. Eine Verhöhnung des amerikanischen Traums. Die Methoden des auf undurchschaubare Weise reich gewordenen Gatz, genannt Jay Gatsby, sind absonderlich, romantisch – und zugleich durchtrieben.

Das Geheimnis eines Klassikers

Die Residenz des Bankiers Otto Hermann Kahn auf Long Island
Gatsbys Villa? Die ehemalige Residenz des Bankiers Otta Hermann Kahn auf Long Island ist heute ein Hotel.

The Great Gatsby wurde 1925 veröffentlicht. F. Scott Fitzgerald war als Novellist bereits bekannt. Relativ mäßigen Erfolg brachte ihm das Buch: 23 000 Amerikaner kauften den großen Gatsby bis zum Tod seines Autors. Zehn mal soviel Zuschauer erreichte die Verfilmung mit Leonardo DiCaprio allein zum deutschen Kinostart vom 16. Mai 2013. Schon in den Siebzigern verschaffte Robert Redfords Darstellung dem Roman eine weitreichende Geltung. Seit den zwanziger Jahren wurde er insgesamt fünf mal verfilmt. Worin liegt das Geheimnis? In den realistischen Abhandlungen menschlicher Subtexte? Die Personen äußern ihre Meinung – und meinen etwas Anderes. Nach Jahren begegnet Daisy ihrer Jugendaffäre Gatsby:

‚Aber nein, ich freue mich wahnsinnig, Sie wiederzusehen.‘ Wieder eine Pause; sie dauerte entsetzlich lange. Ich hatte in der Diele nichts mehr zu tun, und so ging ich hinein. Gatsby, immer noch die Hände in den Taschen, stand gegen den Kamin gelehnt und bemühte sich krampfhaft um eine zwanglose, ja gelangweilte Haltung.

Worum geht es?

Der Ich-Erzähler, ein Börsenmakler aus wohlhabenden Verhältnissen, sucht sein Glück in New York. Gatsby begegnet er als seinem mysteriösen, reichen Nachbarn. Dieser hat sich eine prunkvolle Villa gekauft, gegenüber Daisys Anwesen. Über den Ursprung seines Reichtums kursieren Gerüchte: Er sei ein Schmuggler, Kriegsheld, Mörder. Regelmäßig veranstaltet er große Partys. Unzählige Besucher gehen ein und aus: die Reichsten, Prominentesten, auch Ungeladene, Schwätzer und Neugierige. Kaum jemand bekommt den Hausherren zu Gesicht. Der große Gatsby legt nicht viel Wert auf die eigene Unterhaltung. Eine Eigenschaft, die ihn auszeichnet, ihm eine geheimnissvolle Charakterisierung verschafft. Denn die Frau, die er liebt, lässt sich zunächst nicht ungeladen blicken. Ein zufälliges Treffen muss der Ich-Erzähler arrangieren. Dieser verachtet Gatsby eigentlich. Und nicht nur ihn; in der ironischen Erzählweise führt es der Übersetzer vor:

Gatsby zeigte auf eine überaus farbenprächtige, geradezu orchideenhafte Frau, die kaum noch etwas von einem menschlichen Wesen an sich hatte. Sie saß dekorativ unter einem weißen Pflaumenbaum.

Auch Daisy beschreibt er in einer Weise, die sie eher dümmlich erscheinen lässt:

Wieder lachte sie, als habe sie etwas sehr Geistreiches gesagt[.]

Sich selbst spricht der Erzähler besonderes Taktgefühl zu – auch beschreibt er sich als Mann ohne Ehre. Über sein Vermögen, eine Liebschaft diskret zu beenden, bevor er eine neue Beziehung anfängt, schreibt er:

[…] ich bin einer der wenigen anständigen Menschen, die mir im Leben begegnet sind.

Viel mehr als Partys, Geschwätz und Langeweile kommt im ersten Teil des Romans nicht auf. Dafür eine psychologisch spitzfindige Beschreibung der High Society jener Zeit in New York, der Dekadenz der Goldenen Zwanziger. Fitzgerald lebte selbst auf Long Island. Er beschreibt die Menschen aus seiner Umgebung. Zeitgenössische Kritiker bestätigen die treffende Interpretation einer amerikanischen Gesellschaft. Noch skurriler erscheint sie am Ende; drei Menschen kommen zu Tode, es gibt keine Partys mehr, die Gerüchte scheinen sich zu bestätigen …

Die Übersetzungen des großen Gatsbys

Seit ein paar Jahren bieten die Verleger mindestens vier Neuübersetzungen. Teilweise, so heißt es, basieren sie auf Schürenbergs Variante von 1953. Ich habe mir die Leseproben einiger Varianten angeschaut: Die Sprache ist modern und auch beseelt. Nach meinem Eindruck hat Walter Schürenberg jedoch eine eigene Poesie geschaffen, wohingegen einige Neuübersetzungen wortgetreu das Original wiederzugeben scheinen. Übrigens sind die Urheberrechte von Fitzgeralds Werken mittlerweile verfallen; daher gibt es das englische Original von The Great Gatsby günstiger zu kaufen. – Wer den großen Gatsby ließt, muss bereit sein, sich auf die Sprache einzulassen. Als Teenager bin ich daran gescheitert, nach ein paar Seiten gab ich auf. Wenn ich mir die leicht vergilbten Seiten heute ansehe, verstehe ich, was gemeint ist. Der galante Ich-Erzähler weiß sich auszudrücken. Fein spiegelt Schürenberg die Worte eines arroganten, wohlerzogenen und taktsicheren Börsenmaklers. Im Blick dieses Mannes: der große Gatsby.

Der große GatsbyRoman, 189 Seiten
Von F. Scott Fitzgerald
Übersetzung von Walter Schürenberg, 1953

Diogenes Verlag, 1974
ISBN 3 257 20183 4

Weitere Übersetzungen: Maria Lazar (Knaur, 1928); Bettina Abarbanell (Diogenes, 2007); Reinhard Kaiser (Insel, 2011); Lutz-W. Wolff (dtv, 2011), Johanna Ellsworth (Nikol, 2011)

Originalausgabe: The Great Gatsby, 1925

Die Kunst, gelesen zu werden

Rezension zu Wolf Schneiders „Deutsch für junge Profis“.

„Man gebrauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge.“ – Schneider zitiert Schopenhauer. Nach acht erleuchtenden Kapiteln, die sich nur um das Wort drehen, zieht er damit seine Zwischenbilanz. Nachvollziehbar und unterhaltsam bringt er das Handwerk des guten Stils dem Leser näher. Dem Sprachkritiker geht es vor allem um Verständlichkeit. Denn: „Wer schreibt, möchte meistens Leser haben.“ Soziale Netzwerke erzeugen einen Überschuss an Texten; die meisten werden überflogen. Überfüllte E-Mail-Postfächer lassen keine Zeit, einzelne Nachrichten durchzulesen, die nicht klar und interessant geschrieben sind. Deutsch für junge Profis richtet sich nicht nur an Blogger und angehende Journalisten. Öffentlichkeitsarbeiter, Werbetexter und ambitionierte Tweeter werden dieses Buch ebenso lieben wie Verfasser von erzählender Literatur. Wer von vielen Menschen gelesen werden möchte, sollte sich dieses Buch zur Hand nehmen.

Regeln für alle Texte

Mit 32 Rezepten erläutert Schneider die Kunst des Schreibens. Was macht einen schlanken Satz aus? Wie hauche ich meinem Text leben ein? Fünf Seiten widmet er ausschließlich dem Umgang mit Synonymen. Nicht überall und in jeder Form sind sie angebracht, manchmal falsch oder lächerlich. Über die zweite Nennung der Wahl bemerkt Schneider: „Hat der Nachrichtensprecher das Wort ‚Urnengang‘ zu Hause je verwendet? Nein.“ Zwischendrin gibt es immer wieder eine Bilanz, damit sich der schreibende Leser an die Regeln gewöhnen kann. Der erste Teil des Buches befasst sich mit den Grundlagen, die für alle Texte gelten. Die bildhafte Sprache ist mit verblüffenden Beispielen angereichert. Erfreulich: Schneider kritisiert, aber er meckert nicht. Für Negativ-Beispiele gibt es konkrete Verbesserungsvorschläge. Verschachtelte Sätze werden auseinandergenommen, neu geordnet. Es wird eine prägnante Schreibweise vermittelt, ohne die Regeln der Attraktivität außer Acht zu lassen. Mir wird klar: Eine schöne Redundanz ist witzig – solange sie nicht ohne Belang ist. Der zweite und dritte Teil des Buches konkretisiert die Unterschiede, die zwischen den Textgattungen zu beachten sind. Doktorarbeiten werden anders aufgebaut als Geburtstagsreden. Lexikoneinträge sind nicht den gleichen Regeln unterworfen wie Liebesbriefe. Die Plattformen unterscheiden sich in der Zahl ihrer Interessenten. Eine Statusmeldung auf Facebook soll meistens mehr Leser anziehen als eine Bewerbung, die in der Regel an den Personalentscheider adressiert ist. Dem potentiellen Berufsschreiber wird sogar näher gebracht, was eine Gebrauchsinformation ausmacht. Erkenntnisreich!

Warum dieses Buch?

Der Sprachexperte Wolf Schneider 2010 zu Gast im Frankfurter Presseclub. Foto: Sven Teschke
Der Sprachexperte Wolf Schneider 2010 zu Gast im Frankfurter Presseclub. Foto: Sven Teschke
In einem Sprachblog bin ich auf Wolf Schneider aufmerksam geworden. Kein deutscher Stilkritiker wird so oft gelesen wie er. Der 1925 geborene Journalist greift auf einen reichen Erfahrungsschatz zurück. Er hat viele Jahre die NDR Talk Show moderiert, als Chefredakteur für verschiedene Zeitungen gearbeitet und eine Journalistenschule geleitet. Zahlreiche Sachbücher gehen auf sein Konto. Die meisten davon handeln um Sprache. Deutsch für junge Profis habe ich mir herausgegriffen, weil es sein neustes Buch zum Thema war – und ist. Schnell kam ich zu der Erkenntnis, dass es eine richtige Entscheidung war. Das Buch motiviert ungemein! Viele praktische Kniffe animieren zum Ausprobieren. In kurzer Zeit hatte ich alles durchgelesen. Nach 192 Seiten mit 32 Kapiteln und einem Sachregister ging es nicht mehr weiter. Manchmal hätte ich mir ausführlichere Erläuterungen gewünscht, aber alles Wichtige war gesagt. Immer wieder schlage ich etwas nach, abermals werde ich daraus schlau. Neben den Wörterbüchern bekommt dieses Werk einen Ehrenplatz in meinem Regal.

Deutsch für junge Profis – Wie man gut und lebendig schreibt, 192 Seiten
Von Wolf Schneider

Rowohlt Verlag, 2010
ISBN 978 3 87134 672 9

Paulo Coelhos „Schriften von Accra“

Kurzrezension.

Paulo Coelhos Roman liest sich wie ein Nachschlagewerk für Weisheit. Als die ersten Kreuzritter im Jahre 1099 vor den Mauern Jerusalems stehen, entscheiden sich die meisten Bewohner gegen eine Flucht. Am Abend vor der Schlacht versammeln sie sich um einen griechischen Fremden, der ihnen die letzten Fragen des Lebens beantwortet.

Dieses Buch habe ich nicht gelesen. Es handelt sich um einen Test. Mein erster Artikel auf diesem Blog.