Relative Wirklichkeit

Rezension zu Ulrich Tukurs Novelle „Die Spieluhr“.

Wieder ein Buch, das mir ein Freund empfahl. Diesmal mit der Bemerkung, dass es nicht sein Geschmack sei, mir aber sicher gefallen würde. Die Spieluhr ist eine kleine Novelle, die ich auf einer sechsstündigen Busfahrt so gut wie durchgelesen hatte.

Nach einer wahren Begebenheit

Séraphine Louis: L'arbre de vie, 1928. Ein Gemälde dieser Art wird im Buch erwähnt und im Film von Martin Provost gezeigt.
Séraphine Louis: L’arbre de vie, 1928. Ein Gemälde dieser Art wird im Buch erwähnt und im Film von Martin Provost gezeigt.
Der Schauspieler Ulrich Tukur möchte mir Glauben machen, das diese Geschichte wirklich passiert ist. Er schreibt aus seiner eigenen Perspektive. Ein Filmdreh in einem kleinen Dorf in Frankreich. Der Regieassistent lässt sich nicht blicken. Der Dreh muss verschoben werden. Schließlich taucht er wieder auf. Seine Entschuldigung lässt zwei Vermutungen zu: Entweder ist er geisteskrank oder die Welt ist nicht das, was sie scheint.

Ich schlage mich durch etliche Seiten mit immer wieder neuen fantastischen Bildbeschreibungen. Eine Erklärung dazu erhalte ich nicht und ich beginne mich zu langweilen. Überlege mit dem Lesen aufzuhören, aber da meine Busfahrt noch nicht vorbei ist, gebe ich dem Buch eine Chance. Auf Seite 133 finde ich eine Stelle, die meine Perspektive grundlegend ändert.

„Ich weiß nicht warum, aber ich hatte plötzlich das deutliche Gefühl, daß diese Kammer der Schlüssel war, der mir die Rückkehr in meine Wirklichkeit ermöglichte, einer Wirklichkeit, von der ich nun allerdings wußte, daß es sie gar nicht gab.“

Albert Einstein poppt mit seiner Relativitätstheorie in meinem Kopf auf. Ich erinnere ich mich an Welten wie in Stephen Kings Der Turm. Vorher hatte ich die Novelle eher als vergeblichen Versuch gesehen, Mystery im Stil von E. T. A. Hoffmann darzustellen. Übrigens erinnert mich die romantische Sprache auch ein wenig an einen alten Meister: Joseph von Eichendorff.

Schauen und Lesen

Der Besitzer des Exemplars weißt mich darauf hin, dass es den Film, der im Buch gedreht wird, wirklich gibt. Er heißt Séraphine. Gerade am Anfang der Novelle könnten einige Dinge erst verständlich werden, wenn man den Film kennt. Wer mit E. T. A. Hoffmann oder Stephen Kings ersten Teil des Turms etwas anfangen kann, dazu etwas Geduld mitbringt, dem möchte ich Ulrich Tukurs Novelle auf jeden Fall empfehlen.


Die Spieluhr – Eine Novelle von Ulrich Tukur, 151 Seiten

Ullstein Buchverlage GmbH, 2011
ISBN 978-3-550-08030-2

2. Auflage

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