Vom Straßendieb zum Offizier

Rezension zur Hörbuchserie Richard Sharpe von Bernard Cornwell.

Indien nach dem Krieg gegen die Marathen: Die britischen Territorien sind rot gekennzeichnet. Mysore liegt im Süden.
Indien nach dem Krieg gegen die Marathen: Die britischen Territorien sind rot gekennzeichnet. Mysore liegt im Süden.
Auf Bernard Cornwell bin ich zuerst durch die Uhtred-Serie aufmerksam geworden, weil ich mich für die Geschichte der Sachsen interessiert habe. Auf einer Reise in England habe ich mich mit Leuten über Cornwell unterhalten. In Großbritannien hat er einen großen Ruf. Er ist der Autor für historische Romane. Bekannt wurde er durch die stetig wachsende Reihe von Richard Sharpe, einem fiktiven britischen Soldaten aus der Zeit der Napoleonischen Kriege. Manchmal wurde ich gefragt, ob ich Richard Sharpe gelesen habe. Nun habe ich mir die ersten vier Episoden als Hörbuch reingezogen. Übersetzt wurden die Bände von Joachim Honnef, für das Hörbuch leicht gekürzt und nach Angaben des Verlags an das englische Original angepasst.

Der unmoralische Kriegsheld

Geschildert wird der Aufstieg Richard Sharpes vom einfachen Soldaten, der ans Desertieren denkt, zum Fähnrich, was für die damalige Zeit ungewöhnlich sein muss. Denn Sharpe wächst als Waisenkind in London auf und beginnt seine Karriere zunächst als Dieb, bevor er der Armee beitritt, um einer Verurteilung zu entgehen.

Die ersten Zeilen lassen eine raue Atmosphäre aufkommen, die immer wieder spürbar wird:

„Es ist seltsam, dachte Richard Sharpe, dass es keine Geier in England gibt. Jedenfalls keine, die er gesehen hatte. Hässliche Viecher waren das. Ratten mit Schwingen. Er dachte viel über Geier nach, und er hatte eine Menge Zeit zum Denken, weil er Soldat war, ein gemeiner, für den die Armee meist das Denken übernahm.“

Der Autor schildert ihn als gutaussehend: blaue Augen, lange schwarze Haare. Er ist ein guter Soldat mit perfekt ausgestatteten Instinkten, wenn es zum Kampf kommt. Er liebt den Kampfesrausch. Das erinnert mich immer wieder an Uhtred. Sharpe kann nicht sterben, denn sonst wäre es nicht möglich, dass über zwanzig Bände von ihm erscheinen. Seine Abenteuer sind unglaublich, aber so glaubhaft dargestellt, wie es nur möglich ist. Mit der Muskete in der Hand scheint ihn nichts aufhalten zu können – gleichzeitig stellt er sich ungeschickt bei dem Versuch an, auf einem Pferd zu reiten. Sharpe ist kein moralisch handelnder Held im klassischen Sinne. Auch wenn es manchmal den Anschein hat. Bei einem Zweikampf in Sharpes Sieg kommt Richard in den Besitz zweier Waffen. Davon wirft er eine seinem Gegner zu, wohl mit Rücksicht die zuschauende Meute und ihre Reaktionen berechnend; mit dem Wissen, dass er mit dem Speer im Vorteil ist, wenn er dem Gegner lediglich einen Säbel zuwirft.

Echte Schauplätze und Persönlichkeiten

Arthur Wellesley in Generalmajor-Uniform; Öl auf Leinwand, von Robert Home, 1804
Arthur Wellesley in Generalmajor-Uniform; Öl auf Leinwand, von Robert Home, 1804
Die Schlachten in den Romanen hat es tatsächlich gegeben. Sharpes Feuerprobe beginnt 1799 vor einem Kampf der British East India Company gegen Tipu Sultan, dem Herrscher von Mysore, in Seringapatam. Die vorislamischen Rituale des Patriarchen erinnern mich an Märchen im Orient, wie von Wilhelm Hauff: Tipu Sultan befragt seine Träume, um militärische Entscheidungen zu treffen. Auch die historische Person Arthur Wellesley ist eine wichtige Figur der Serie. Später wird er durch den Sieg gegen Napoleon in Waterloo berühmt. Cornwell macht ihn zunächst zu einem Förderer Richard Sharpes. Andere Persönlichkeiten, wie Anthony Pohlmann, einem Hannoveraner, der manchmal die Seiten wechselt, verleiht der Autor zusätzliche Spitzbübigkeit als Hochstapler. Sharpe begegnet ihm zunächst auf der Seite der indischen Marathen in der Schlacht von Assaye 1803. In Sharpes Festung, der dritten Episode, wird dieser Krieg an der scheinbar uneinnehmbaren Festung Gawilghur fortgesetzt. Sharpes Trafalgar handelt von der historischen Schlacht am Kap Trafalgar, in die der Held hineingerät. Im Süden von Spanien kämpft die britische gegen die französische Flotte und die mit ihnen verbündeten Spanier.

Sprecher mit Soldatenstimme

Torsten Michaelis macht aus dem Hörbuch eine unverwechselbare Interpretation, die sich perfekt für den rauen Helden und das Soldatentum eignen. Übrigens verleiht derselbe Sprecher auch dem Helden der Scharfschützen-Fernsehserie, Sean Bean, seine Synchronstimme. Angenehm ruhig und zugleich so lebendig, dass ich mich wie ein Teilnehmer des Geschehens fühle. Wenn Michaelis im ersten Band den einzelnen Figuren seine Stimme verleiht, muss ich manchmal überlegen, ob es wirklich derselbe Sprecher ist. In den weiteren Bänden begegne ich hingegen oft Figuren mit der selben Intonation – nicht weiter schlimm, weil trotzdem angenehm. Wenn Sharpes Widersacher Hakeswill zu Wort kommt, bekomme ich Gänsehaut. Diesen perfekten Psychopathen mit der heisernen Stimme kann ich mir mittlerweile gar nicht anders vorstellen. Dabei verliert die Figur kein bisschen Glaubwürdigkeit.

Detaillierte Schlachten

Es ist etwas, dass Bernard Cornwell wohl grundsätzlich auszeichnet: Glaubwürdigkeit. Richard Sharpe kann es zwar nicht gegeben haben, aber die Ereignisse und der Alltag der Protagonisten wurde makellos umgesetzt. Die ehrlichen Gedanken des Helden sind oft schon komisch, stets plausibel. Mich persönlich interessieren eher die Umstände, als die eigentlichen Schlachten, was Richard Sharpe nicht zu meiner Lieblingsreihe macht. Aber die detaillierte Beschreibung der Kämpfe ist sehr typisch für Cornwell. In dieser Serie geht es um kaum was anderes. Was mich dabei überrascht hat, ist jedoch die Spannung der Ereignisse. Oft sitze ich vor meinem Computer und kann den Pausenknopf nicht drücken, weil ich einfach wissen will, wie es weitergeht.

Unterhaltung und Geschichte

Übrigens sind die Bücher in englischer Sprache in den Jahren 1997 bis 2000 erschienen, chronologisch fortgeschrittenere Episoden wurden aber bereits in den 80er Jahren veröffentlicht. Richard Sharpe ist leichte Unterhaltung, brutal, nicht sehr moralisch. Es geht außerdem um Intrigen aus den eigenen Reihen, um Liebe, die immer irgendwann ein Ende findet. Teilweise werden die Hintergründe des Krieges verständlich gemacht. Die historische Genauigkeit und die solide Schreibweise machen die Serie zu einem wertvollen Werk, dass einen interessanten Einblick in die Zeit Napoleons liefert. Lesens- und hörenswert für denjenigen, den die Kriegsschilderungen nicht abschrecken.


Richard Sharpe
, Episoden 1–4
Von Bernard Cornwell

Kuebler Hoerbuch
Sharpes Feuerprobe, ISBN 978 3942270014
Sharpes Sieg, ISBN 978 3942270328
Sharpes Festung, ISBN 978 3942270335
Sharpes Trafalgar, ISBN 978 3942270045

Buchausgaben: Bastei Lübbe AG

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