Von guten Feen, die nicht da sind, wenn man sie braucht

Kritik zu Wilhelm Hauffs Märchen.

Wilhelm Hauff starb 1827 wenige Tage vor seinem 25. Geburtstag an einer Typhus-Erkrankung.
Wilhelm Hauff starb 1827, wenige Tage vor seinem 25. Geburtstag, an einer Typhus-Erkrankung.
Schon meine Großeltern hatten immer gerne Bücher gelesen. Als ich meine Oma letztes Jahr zu Weihnachten besuchte, zeigte sie mir ihre kleine Bibliothek. Sie öffnete das Fach im Bücherschrank und mein Auge huschte über eine Reihe von Krimis und anderen Romanen, die ich nicht kannte. Dann sah ich auf einem Buchrücken den Schriftzug „Hauffs Märchen“. Eine DDR-Ausgabe des Kiepenheuer-Verlags mit gelben Seiten; vorne und hinten zwei Illustrationen vom kleinen Muck. Ich, der ich Andersen, Ende und die Brüder Grimm immer liebte, hatte Hauff noch nicht gelesen. Hier nun waren all seine Märchen in einem Band. – Weihnachten rückt näher. Bald muss ich das Buch zurückgeben. Zuvor noch möchte ich meine Meinung dazu schreiben.

Die Geschichte vom kleinen Muck kannte ich vorher als DEFA-Film. Hauff veröffentlichte sie 1825 in der Rahmenerzählung Die Karawane. Darin finden sich ausschließlich orientalische Märchen, so Die Geschichte von Kalif Storch und Das Märchen vom falschen Prinzen. Die Struktur von der Erzählung in der Erzählung folgt dem Prinzip von Tausendundeine Nacht. Neben der Karawane enthält diese Sammlung die Schachtelgeschichten Das Wirtshaus im Spessart sowie Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven. Besonders letzteres habe ich gerne gelesen, denn die Rahmengeschichte ist nicht weniger spannend als die darin erzählten Märchen. Eine Gruppe von Reisenden übernachtet in einem einsamen Wirtshaus im Wald. Aus Angst, überfallen zu werden, bleiben sie wach und erzählen sich Geschichten wie Das kalte Herz, eine große Parabel über einen armen Kohlenbrenner, der sich nach Anerkennung und Reichtum sehnt. Weniger bekannt, aber mit großen dramatischen Wendungen versehen, sind Saids Schicksale. Als der Protagonist sich nach einigem Aufwand von einer Räuberbande gerettet glaubt, wird er von ihnen überwältigt, gefesselt und in der Wüste zurückgelassen. Das erinnert mich ein wenig an Woyzeck. Hilflos wie in einer Tragödie, unheldenhaft erscheint er:

Said flehte sie um Barmherzigkeit an, er versprach ihnen schreiend ein großes Lösegeld, aber lachend schwangen sie sich auf und jagten davon. Noch einige Augenblicke lauschte er auf die leichten Tritte der Rosse, dann aber gab er sich verloren. Er dachte an seinen Vater, an den Gram des alten Mannes, wenn sein Sohn nicht mehr heimkehre […]

Wie in vielen Märchen, gibt es auch hier eine gute Fee. Einst hatte sie Said ein silbernes Pfeifchen geschenkt. Sie könnte ihm nun helfen, er bläst hinein, aber zunächst passiert nichts. Dieser angedeutete Realismus ist ungewöhnlich, lässt mich mitfühlen … Ich glaube, das ist etwas, das Wilhelm Hauff so gut macht.

Die erste Veröffentlichung des Märchenalmanachs von 1827, vordatiert auf 1828.
Die erste Veröffentlichung des Märchenalmanachs von 1827, vordatiert auf 1828.
Die Karawane enthält mit Der Errettung Fatmes eine Geschichte ganz ohne Zauber; ein Abenteuer. Im Scheik von Alessandria gibt es ein norwegisches Märchen, in dem der nordische Gott Odin Erwähnung findet: Das Fest der Unterirdischen erzählt von Riesen und Zwergen. Der Inhaltsangabe zufolge stammt die Erzählung von Wilhelm Grimm, obwohl keine entsprechende Veröffentlichung von ihm bekannt ist. Hauffs Märchen sind vielseitig, wenn auch mit meist orientalischem Bezug. In meiner Ausgabe findet sich neben den drei Kapiteln auch eine Art Prolog: Märchen als Almanach handelt von der Personifizierung dessen; fünf Seiten, die zum Weiterlesen motivieren. Detailliert hat mir der Autor seine Bilder vor Augen geführt. Anders als in den meisten Volksmärchen, bekomme ich ausführliche Beschreibungen von Orten und Figuren, und genug Informationen, um mich in das Wesen der Protagonisten hineinzufühlen. Die Moral spielt oft eine Rolle. Wer Hauff ließt, kann eigentlich fast nur ein guter Mensch werden, denke ich. Aber dem 19. Jahrhunderts entsprechend findet sich auch eine Geschichte mit antisemitischen Zügen: Abner, der Jude, der von nichts gewusst hat. Hauff hat auch Jud Süß geschrieben, Goebbels ließ aus dem Stoff einen Film drehen; bis heute ein Aufhängeschild nationalsozialistischer Propaganda. Darüber möchte ich hinwegsehen, wie ich es bei Shakespeare tue … und auch bei Wagner. Das Buch ist im Übrigen weit weniger brutal als die Kindermärchen der Brüder Grimm. Die Sammlung dieses Autors, der seinen 25. Geburtstag nicht erlebte, ist zu gut, um nicht gelesen zu werden.


Märchen
, Sammlung, 384 Seiten
Von Wilhelm Hauff

Gustav Kiepenheuer Verlag, 1990
ISBN 3 378 00121 6

Erste Auflage des vorliegenden Buches: Insel-Verlag Anton Kippenberg, 1911

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